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Historical Exclusiv 45

Historical Exclusiv 45

Titel: Historical Exclusiv 45
Autoren: Julia Byrne , Claire Delacroix
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1. KAPITEL
    England im Jahre des Herrn 904
    E ine dichte, schwarze Rauchwolke lag über dem Dorf hinter der Burganlage, verdunkelte den Himmel und erfüllte die Luft mit dem beißenden Gestank nach verbranntem Stroh. Sie glaubte beinahe, das Knistern und Züngeln der gierigen Flammen über dem Schlachtenlärm der Streitäxte gegen Schilde, dem Tod bringenden Klirren der Schwerter und den gellenden Entsetzensschreien der Frauen zu hören.
    Noch ohrenbetäubender war das Brausen des Sturms, das ihr bis ins Mark drang wie das Heulen einer Wolfsmeute, während sie aus dem Stall rannte.
    Auf halbem Weg durch den Burghof hielt sie inne und stopfte sich den Kittel in den Bund der weiten Hose, die sie von einem Haken auf dem Heuboden gerissen hatte. Ihr gehetzter Blick huschte zum menschenleeren Weg hinter dem Palisadenzaun. Die hohen Holztore standen offen. Niemand leistete Widerstand.
    Waren alle Bewohner in die Wälder geflohen? Auch ihr Ehemann?
    Nein. Sie wusste die Antwort, noch ehe sie die Frage zu Ende gedacht hatte. Der feige Ceawlin hatte vermutlich Zuflucht in der Kirche gesucht.
    Dieser Narr! Glaubte er tatsächlich, die mordgierigen Banditen machten Halt vor der Heiligkeit der Kirche? Hatte er nicht zugehört, wenn Reisende von abgeschlachteten Mönchen, geplünderten Kirchenschätzen, entweihten Reliquien berichteten? Natürlich nicht. Vermutlich lag Ceawlin vor dem Altar auf Knien und flehte Gott und alle Heiligen winselnd an, ihn vor den Gräueltaten der Nordmänner zu verschonen.
    Verächtlich verzog sie die Mundwinkel. Es kam ihr gelegen, dass der Lord of Selsey nur an sein eigenes Überleben dachte und seine Gemahlin der Willkür feindlicher Angreifer überließ.
    Sie zögerte, unschlüssig, ob sie die Tore schließen und verriegeln sollte, verwarf den Gedanken jedoch kopfschüttelnd. Die Tore würden den heidnischen Horden nicht standhalten, die zuerst in die Kirche dringen würden, wodurch sie sich einen knappen Vorsprung erhoffte.
    Sie zog den Kittel enger um die Schultern und rannte zur Halle, froh über die Bewegungsfreiheit, die ihr die geborgte Männerkleidung gab. Auf der Flucht würde sie damit rascher vorankommen, ohne behelligt zu werden. Und falls sie den Barbaren in die Hände fiel, konnte sie wenigstens mit einem raschen Tod rechnen.
    Sie weigerte sich, einen weiteren Gedanken an das Misslingen ihres Plans zu verschwenden. Sie würde entkommen. Sie musste es schaffen.
    Mit einem gehetzten Blick über die Schulter auf die tief hängende, schwarze Rauchwolke rannte sie in die Halle.
    Der grauenhafte Schlachtenlärm drang nur gedämpft in die dämmrige Leere, die sie empfing. Die Stille gab ihr ein trügerisches Gefühl von Geborgenheit. Ihr rasender Puls, ihre keuchenden Atemzüge beruhigten sich ein wenig. Alles, was sie brauchte, waren ein Dolch und ein paar Münzen, bevor sie das Weite suchte. Wenn sie die Tore einmal hinter sich gelassen hatte, würde sie den Wald bald erreichen – und damit die ersehnte Freiheit.
    Das, was sie suchte, hoffte sie unter dem hohen geschnitzten Lehnstuhl an der Hochtafel zu finden. Jankin hatte ihr vor Wochen in aller Unschuld von der verborgenen Kiste berichtet, ohne zu ahnen …
    Großer Gott. Jankin . Er war heute Morgen ins Dorf geschickt worden. War es ihm gelungen, sich irgendwo zu verstecken, oder hatten die Feinde sein junges unschuldiges Leben grausam ausgelöscht?
    Nein, denk nicht daran.
    Energisch verdrängte sie die Schreckensbilder, rannte durch die Halle zum Podium am Ende des lang gestreckten Raumes, ging in die Hocke und griff mit tastenden Fingern unter den Stuhl ihres Gemahls.
    Die Truhe stand in einer Nische. Mit beiden Händen zog sie die schwere Schatulle ans Ende des Tisches, um sie zu öffnen. Die hölzernen Füße verursachten ein quietschendes Geräusch auf den Holzdielen, das den Lärm der Verwüstung draußen übertönte, nicht aber die schweren Stiefelschritte. Beim Klang der schnarrenden Männerstimme fuhr sie mit einem Laut des Entsetzens herum.
    „Anfride hatte also Recht. Die Lady Yvaine of Selsey ist nicht besser als die heidnischen Banditen vor unseren Toren. Du willst mich bestehlen.“
    „Bei allen Heiligen, Ceawlin!“ Sie richtete sich auf und wartete, bis ihr Herzschlag sich von dem Schreck erholte, während sie Ceawlins Bemerkung über ihre unverheiratete Schwägerin geflissentlich überhörte. Anfride war nicht minder boshaft als ihr Bruder und hatte sie von Anfang an gehasst. Yvaine hatte es längst aufgegeben,

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