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Hingabe

Hingabe

Titel: Hingabe
Autoren: Peter Postert
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Jeden Morgen klingelte Lenas Wecker pünktlich um 6 Uhr. Aufstehen, 15 Minuten Morgenlauf an der Alster, die kühle Klarheit des Morgens genießen und die frische Luft atmen, entspannt den Tag beginnen. Das machte sie seit drei Jahren so, jeden Wochentag.
    Anschließend genoss sie ihre Morgendusche, während die Kaffeemaschine sich schon mal warmlief. Ihr morgendlicher Café Latte durfte niemals fehlen. Das absolute Morgenritual und dennoch nichts Eingefahrenes, sondern ein Fest!
    Diese Freiheit durch die Wochenendbeziehung mit Marcus genoss sie ebenso wie das Zusammensein mit ihm am Wochenende.
    Doch heute war wieder Montag. Die heiße Dusche brauchte sie auch nach zwei leidenschaftlichen Nächten mit wenig Schlaf, dafür ausgiebigen gefühlvollen Nächten mit ihrem Freund.
    Als Produktmanagerin in einer europäischen Software-Entwicklungsfirma hatte sie sich in dieser Männer-dominierten Position durch stringentes und toughes Verhalten einen Namen gemacht und sich Stück für Stück hochgearbeitet.
    Sie trocknete sich ab und genoss ihren Café Latte mit ihrer Lieblingsmusik: Marvin Gaye – Sexual Healing. Normalerweise würde sie sich in ihren Wagen schwingen und zur Arbeit fahren, diesmal war es aber anders. Sie hatte ihn am Wochenende in der Nähe ihrer Firma stehen lassen und musste deswegen mit dem ungeliebten Nahverkehr zur Arbeit. Also folgte nun der unangenehmste Teil des Tages: Die Fahrt mitder U-Bahn zu ihrem Arbeitsplatz. Wie gewöhnlich würde sie Montagmorgen überfüllt sein, wahrscheinlich gab es auch wieder nur einen Stehplatz.
    Das Schöne an Vorahnungen und Ritualen ist ja, dass sie dann auch eintreffen: So wundervoll der Start mit Laufen, Duschen und Kaffee war, so ungemütlich bestätigte sich ihre Vorahnung der U-Bahn-Fahrt. In ihrem Kostüm stand Lena eingepfercht zwischen Unbekannten und versuchte, sich abzulenken, indem sie ihr Handy lauter stellte und dabei an das Wochenende mit Marcus zurückdachte.
    Inmitten ihrer wohligen Gedanken spürte sie plötzlich einen Blick auf sich ruhen. Kein zufälliger Blick. Abtastend, abschätzend, durchdringend. ER – es musste ein Mann sein, der sie musterte – schien genau hinter ihr zu stehen. Sie spürte, wie der Blick sie von Kopf bis Fuß maß, sie genau taxierte, sie förmlich auszog und durchdrang, sich alle Details einprägte und ihr zu sagen schien:
    ‚Auch wenn es hier in der Bahn voll ist, komm zu mir. Näher.‘
    ‚Was läuft hier eigentlich?‘ Lena versuchte, sich zu wehren, diesen Blick und diese Gedanken abzuschütteln, doch es gelang ihr nicht.
    Sie ging einen halben Schritt rückwärts, unfähig, sich umzudrehen. Sie stand nun genau mit dem Rücken zu IHM, berührte IHN leicht. ER musste ungefähr einen Kopf größer sein, etwa 1,90 m. Das Atmen fiel ihr zusehends schwerer, Lena fühlte sich fast wie paralysiert.
    Sie spürte, dass sich sein Kopf zu dem ihren bewegte, näher an ihr Ohr. ER roch männlich und unverschämt gut. Dieser Duft erinnerte sie an Marcus, ihren Freund. Lena schloss die Augen.
    ‚Das darf ich nicht einmal denken!‘, schoss es ihr durch denKopf.
    Es war gar nicht möglich, völlig irreal. Und gleichzeitig hatte sie den Wunsch, ER möge sprechen, sie anfassen.
    Sie sehnte sich förmlich nach einem Wort, einer Berührung, nach IHM. Einem Fremden, den sie bisher noch nie gesehen hatte und auch jetzt nicht sehen konnte. Lena wusste nur zwei Dinge:
    ER steht hinter mir und ER hat eine Aura, die mich anzieht.
    Dieses Gefühl, sie kannte es nur aus Träumen. In ihren Träumen war sie Männern begegnet, die Macht in sich trugen, die Männlichkeit und Dominanz ausstrahlten. Dort, in ihren Träumen, hatte sie Lust, sich dieser Macht hinzugeben und alles geschehen zu lassen. Lena hatte noch keinen Mann getroffen, dem sie sich offenbaren konnte, dem sie sich offenbaren wollte. In Träumen war viel passiert, sie hatte es anders ausgelebt als in der Realität mit ihren Liebhabern, so auch nicht mit Marcus. Real war sie offensiver, sie zeigte, was ihr gefiel, was sie anmachte, was sie wollte. Die Männer in ihren Träumen dagegen nahmen sich, was sie wollten. Es machte ihr keine Angst, im Gegenteil. Es erregte sie. Doch in letzter Zeit hatte sie nicht mehr davon geträumt. Marcus war daran schuld. ER war so zuvorkommend und aufmerksam, erfüllte sie und ihre Wünsche. Die Zeit mit Marcus war anders – intensiver, gefühlvoller.
    Plötzlich fühlte Lena, wie sich sein Körper etwas an sie heran bewegte, sich etwas an sie

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