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Himmlische Träume: Die Fortsetzung des Weltbestsellers "Chocolat" (German Edition)

Himmlische Träume: Die Fortsetzung des Weltbestsellers "Chocolat" (German Edition)

Titel: Himmlische Träume: Die Fortsetzung des Weltbestsellers "Chocolat" (German Edition)
Autoren: Joanne Harris
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nichts sagen.
    »Es ist völlig okay«, sagte er schließlich. »Tu, was du tun musst. Fahr hin. Leg Blumen auf Armandes Grab. Und dann komm zurück zu mir nach Hause.« Lächelnd küsste er meine Fingerspitzen. »Du schmeckst nach Schokolade.«
    »Willst du es dir nicht noch mal überlegen?«
    Er schüttelte den Kopf. »Du bleibst ja nicht lange. Außerdem muss sich jemand um das Boot kümmern.«
    Stimmt, sagte ich mir.
    Trotzdem fühle ich mich bei dem Gedanken, dass Roux lieber hierbleiben will, nicht wohl. Ich hatte erwartet, dass wir mit dem Boot fahren. Roux kennt alle Wasserstraßen. Wir wären die Seine hinuntergefahren und durch das Labyrinth aus Kanälen zur Loire und von da weiter zum Canal des Deux Mers, zur Garonne und schließlich in den Tannes. Durch Schleusen und Aufzüge, schnelles und langsames Wasser, vorbei an Feldern und Schlössern und Industrieanlagen. Wir hätten gesehen, dass die Flüsse manchmal breit und manchmal schmal sind und wie sich das Wasser verändert, von ölig zu grün, von rasch fließend zu bedächtig, von braun zu schwarz zu gelb zu klar.
    Jeder Fluss hat seine eigene Persönlichkeit. Die Seine ist städtisch und arbeitsam, ein Highway voller Lastkähne, die beladen sind mit Holz, Kisten, Containern, Metallbehältern, Fahrzeugteilen. Die Loire ist sandig und heimtückisch, sie glänzt silbern im Sonnenschein, aber unter der Oberfläche lauern Schlangen und Sandbänke. Die Garonne ist holperig, verändert sich ständig, in manchen Abschnitten ist sie großzügig, in anderen so flach, dass ein Hausboot – selbst ein kleines wie unseres – durch einen mechanischen Lift von einer Stufe zur anderen gehoben werden muss, was viel Zeit braucht, wertvolle Zeit …
    Aber das ist nun alles hinfällig. Wir nehmen den Zug. In mancher Hinsicht die bessere Variante, denn es ist keine einfache Aufgabe, mit einem Hausboot die Seine entlangzutuckern. Man muss tausend Formulare ausfüllen, man braucht Genehmigungen, muss Anlegeplätze buchen und sich um allen möglichen bürokratischen Kram kümmern. Aber irgendwie gefällt es mir nicht, so mit einem Koffer in der Hand nach Lansquenet zurückzukommen, wie ein Flüchtling, Anouk dicht hinter mir, wie ein streunender Hund.
    Woher stammt dieses Unbehagen? Ich muss schließlich nichts beweisen. Ich bin nicht mehr die Vianne Rocher, die vor acht Jahren in dieses Dorf geweht wurde. Ich habe ein Geschäft, ein Zuhause. Wir sind keine Flussratten mehr, die von Ort zu Ort ziehen, auf der Suche nach irgendwelchen Abfällen, Wanderarbeiter, die graben, pflanzen, ernten. Ich habe mein Schicksal selbst in die Hand genommen. Ich rufe den Wind. Er hört auf mich.
    Warum dann dieser Druck, dieses Gefühl von Dringlichkeit? Warum? Ist es wegen Armande? Meinetwegen? Und wieso hat der Wind seit unserer Abreise nicht nachgelassen, sondern ist im Gegenteil hartnäckiger geworden, seit wir nach Süden fahren? Warum klingt er so klagend, so vorwurfsvoll – schnell, schnell, schnell?
    Ich habe Armandes Brief in das Kästchen gelegt, das ich immer bei mir habe, ganz egal, wo ich bin. Zu den Tarotkarten meiner Mutter und den anderen Fragmenten meines Lebens. Nicht gerade üppig, was ich da mit mir herumtrage, wenn man bedenkt, wie viele Jahre wir unterwegs waren. So viele Orte, an denen wir lebten, so viele Menschen, die wir kennengelernt haben. Und die Rezepte, die ich sammle. Bilder, die Anouk in der Schule gemalt hat. Ein paar Fotos, nicht viele. Pässe, Postkarten, Geburtsurkunden, Ausweise. Momentaufnahmen, Erinnerungen. Alles, was wir sind, zu zwei oder drei Kilo Papier komprimiert – so viel wiegt, nebenbei bemerkt, ein menschliches Herz –, und selbst diese Last scheint zuweilen untragbar zu sein.
    Schnell. Schnell. Wieder diese Stimme.
    Wessen Stimme ist es? Meine eigene? Armandes? Oder ist es die Stimme des Windes, der jetzt manchmal so leise weht, dass ich fast glaube, er ist verstummt?
    Hier, auf dem letzten Stück unserer Reise, wächst am Straßenrand ganz viel Löwenzahn, der sich zum größten Teil schon in Pusteblumen verwandelt hat, so dass überall helle kleine Schirmchen umherfliegen.
    Schnell, schnell. Reynaud hat immer gesagt, wenn man zulässt, dass der Löwenzahn zur Pusteblume wird, wächst er nächstes Jahr überall, nicht nur am Straßenrand, sondern an allen Abhängen und Böschungen, in Beeten, Weinbergen, Friedhöfen, Gärten, selbst in den Gehwegritzen, und nach ein, zwei Jahren gibt es nur noch Löwenzahn, er marschiert unaufhaltsam

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