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Himmlische Träume: Die Fortsetzung des Weltbestsellers "Chocolat" (German Edition)

Himmlische Träume: Die Fortsetzung des Weltbestsellers "Chocolat" (German Edition)

Titel: Himmlische Träume: Die Fortsetzung des Weltbestsellers "Chocolat" (German Edition)
Autoren: Joanne Harris
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    Dienstag, 10. August
    Es begann mit dem Wind des Ramadan. Wovon ich natürlich keine Ahnung hatte. Paris ist windig im August, und der Staub bildet kleine Derwische, die über den Gehweg wirbeln und funkelnde Flöckchen auf Lider und Gesicht streuen. Die Sonne starrt wie ein blindes weißes Auge auf alles herab, und niemand hat Lust, etwas zu essen. Paris ist im Moment so gut wie tot, kein Mensch ist hier außer den Touristen und Leuten wie uns, die sich keinen Urlaub leisten können. Der Fluss stinkt, nirgends gibt es Schatten, und man hat eigentlich nur einen Wunsch: Man will irgendwo barfuß über eine Wiese laufen. Oder im Wald unter einem Baum sitzen.
    Klar – Roux weiß, wie es ist. Roux ist nicht für das Leben in der Großstadt geschaffen. Rosette macht gern Quatsch, wenn sie sich langweilt, und ich mache Pralinen, die keiner kauft. Anouk sitzt im Internetcafé in der Rue de la Paix, um sich bei Facebook mit ihren Freundinnen zu unterhalten, oder sie geht zum Friedhof Montmartre und beobachtet die wilden Katzen, die inmitten der Häuser der Toten herumstreunen, und die Sonne brennt zwischen den Schattensplittern, schneidend scharf wie eine Guillotine.
    Anouk ist fünfzehn. Wo geht die Zeit hin? Wie Parfum, das sich heimlich verflüchtigt, auch wenn man die Flasche noch so sorgfältig verschließt – schraubt man später den Deckel auf, um nachzusehen, ist da nur noch ein wohlduftender, schmieriger Rest, während vorher mehr als genug vorhanden war.
    Wie alt bist du, meine kleine Anouk? Was geschieht in deiner fremden kleinen Welt? Bist du glücklich? Unruhig? Zufrieden? Wie viele solche Tage haben wir noch, bevor du meine Umlaufbahn endgültig verlässt und davonsaust wie ein abtrünniger Satellit, der zwischen den Sternen verschwindet?
    Der Gedanke ist alles andere als neu für mich. Wie ein Schatten begleitet mich die Angst seit Anouks Geburt. Doch in diesem Sommer ist meine Angst noch gewachsen, wild blüht sie in der Hitze. Vielleicht wegen der Mutter, die ich verloren habe – und wegen der Mutter, die ich vor vier Jahren gefunden habe. Oder vielleicht ist es auch die Erinnerung an Zozie de l’Alba, die Räuberin der Herzen, die mir um ein Haar alles gestohlen hätte und mir vorgeführt hat, wie zerbrechlich unser Leben ist, wie schnell beim kleinsten Windhauch das Kartenhaus in sich zusammenfallen kann.
    Fünfzehn. Fünfzehn. In Anouks Alter hatte ich schon die ganze Welt bereist. Meine Mutter lag im Sterben. Das Wort »Zuhause« galt für jeden Ort, an dem wir mehr als eine Nacht verbrachten. Ich habe mit niemandem richtig Freundschaft geschlossen. Und die Liebe – tja, die Liebe war wie die Fackeln, die abends an den Terrassen der Cafés brennen. Eine Quelle flüchtiger Wärme, eine Berührung, ein Gesicht, das man im Schein der Flammen nur kurz erblickt.
    Anouk ist da hoffentlich anders. Sie ist schon jetzt wunderschön, auch wenn sie es selbst noch nicht weiß. Eines Tages wird sie sich verlieben. Was passiert dann mit uns? Noch haben wir Zeit, sage ich mir. Der einzige Junge in ihrem Leben ist bis jetzt ihr Freund Jean-Loup Rimbault. Normalerweise sind die beiden unzertrennlich, aber diesen Monat musste Jean-Loup ins Krankenhaus, um sich noch einmal operieren zu lassen. Er ist mit einem Herzfehler auf die Welt gekommen. Anouk spricht nicht darüber, aber ich verstehe ihre Angst. Sie ist wie meine eigene, ein kriechender Schatten, die Gewissheit, dass nichts von Dauer ist.
    Anouk redet immer noch von Lansquenet. Sie ist hier in Paris zwar ganz glücklich und zufrieden, aber die Metropole ist für sie doch eher eine Durchgangsstation und nicht die Heimat, in die sie immer zurückkehren wird. Natürlich ist ein Hausboot kein Haus, ein Boot besitzt nicht die gleiche Überzeugungskraft wie Mörtel und Stein. Mit der seltsamen Nostalgie sehr junger Menschen erinnert sich Anouk in den rosigsten Farben an die Chocolaterie gegenüber von der Kirche, an unseren kleinen Laden mit der gestreiften Markise und dem handgemalten Schild. Und ihr Blick wird ganz wehmütig, wenn sie von den Freunden spricht, die sie zurückgelassen hat, Jeannot Drou und Luc Clairmont, oder von den engen Straßen, in denen man ohne Angst nachts im Dunkeln herumlaufen kann, und von den Haustüren, die nie abgeschlossen werden.
    Ich sollte mich nicht so anstellen, ich weiß. Meine kleine Anouk ist zwar verschlossen, aber im Gegensatz zu vielen ihrer Freundinnen verbringt sie immer noch gern Zeit mit ihrer Mutter. Uns geht es gut

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