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Hexenjagd in Lerchenbach

Hexenjagd in Lerchenbach

Titel: Hexenjagd in Lerchenbach
Autoren: Stefan Wolf
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1. Zwischenfall beim Gruselfilm
     
    Der Samstagabend war heiß. In den
Straßen der Großstadt hatte sich schwüle Luft breitgemacht. Hinzu kam, daß Gaby
und Tarzan ein scharfes Tempo vorlegten — auf ihren Rädern.
    Trotzdem — und das dachte Tarzan
bewundernd — sieht sie so frisch aus wie eine Rosenblüte am frühen Morgen. Wie
macht sie das nur? Muß wohl angeboren sein.
    Gabys goldblondes Haar wehte. Der blaue
Faltenrock bauschte sich. Lachend wandte sie ihm das Gesicht zu.
    „Schaffen wir’s noch?“
    „Nicht zum Beginn der Vorstellung. Der
Film hat gerade... ja, jetzt... angefangen.“
    „Hoffentlich entgeht uns nichts, wo wir
doch die Karten schon haben.“
    Mit fünf Minuten Verspätung erreichten
sie das Kino. Sie ketteten ihre Drahtesel aneinander und stürmten durchs Foyer (Vorraum
von Theater und Kino). Im Saal war es dunkel. Der Vorfilm lief noch — eine
nervenkitzelnde Bildfolge über extreme (maßlose) Bergsteiger.
    „Hier, bitte!“ hauchte die
Platzanweiserin — und wies beide in die hinterste Reihe ein, wo schon andere
Pärchen saßen.
    „Geschafft!“ flüsterte Gaby. „Aber wenn
der Film zu gruselig ist, verkrieche ich mich unter dem Sitz.“
    „Ich sag’ dir dann, wann du wieder
auftauchen kannst.“
    Gaby kicherte und blies
gewohnheitsmäßig gegen ihren Pony — der ausnahmsweise mal frisch geschnitten
war und daher nicht in ihre blauen Augen hing. Dann begleitete sie den Vorfilm
mit temperamentvollen Kommentaren (Anmerkungen), allerdings flüsternd,
und kam zu dem Ergebnis, daß die Kletterei in steilen Felswänden niemals ihr Sport werden würde.
    Das Licht flammte auf. Die
Platzanweiserin sucht mit einem Bauchladen voll Eiskonfekt nach vernaschten Kinogästen.
    Tarzan fragte Gaby, ob sie möchte. Aber
sie erwiderte, sie sei doch nicht Klößchen.
    Er lachte. „Wenn der jetzt hier wäre,
müßte die Anweiserin Nachschub holen.“
    Sein Blick war durch den — nur zu einem
Drittel gefüllten — Saal gewandert.
    „Pfote, spinn’ ich! Dort sitzt ja die
Helga!“
    Gaby, auch Pfote genannt, folgte seinem
Blick und bewegte staunend die langen Wimpern.
    „Tatsächlich! Finde ich ja toll, daß
sie sich für einen Gruselfilm nicht zu fein ist. Himmel, was würden ihre
Kollegen aus dem Kollegium sagen! Die meisten Pauker lassen doch einen Film nur
gelten, wenn es sich um eine klassische Tragödie (Trauerspiel) handelt.“
    „Jetzt übertreibst du!“
    „Naja. Etwas.“
    Helga Götze, eine noch sehr junge
Studienreferendarin, saß fünf Reihen vor ihnen, seitlich links. Schräg von
hinten war eigentlich nur ihr langes rotes Haar zu sehen. Aber das — feuerfarben
wie ein lodernder Scheiterhaufen — genügte zum Erkennen.
    An der großen Internatsschule war
Fräulein Götze als die Helga bekannt. Eine überaus freundliche
Bezeichnung, denn die Biologielehrerin war durch die Bank bei allen beliebt,
mindestens so wie Weihnachten oder der Beginn der Sommerferien. Auch in der 9 b
unterrichtete sie, der Klasse von Tarzan, Gaby, Klößchen und Karl. Und für den
morgigen Sonntag hatte sie die vier Freunde vom TKKG zu sich eingeladen.
    Gaby brannte es auf der Zunge, sich
bemerkbar zu machen. Aber das klappte nicht mehr, weil das Licht erlosch und
der Hauptfilm mit pompösem Vorspann begann.
    Störend war, daß immer noch Nachzügler
kamen. Einer von ihnen — ein klotziger Typ um die 16 — flegelte sich in den
Sitz vor Gaby. Immerhin rutschte er weit genug hinunter, daß die Sicht nicht
behindert wurde.
    Noch ein Bekannter! dachte Tarzan nach
kurzem Blick auf den strohblonden Hinterkopf. Scheint Max Jocher zu sein.
    Der besuchte die zehnte Klasse der
Internatsschule und war so angenehm wie eine Brandblase auf der Sitzfläche.
Tarzan hatte ihn mal ertappt, wie er einen kleinen Hund mit Fußtritten quälte.
Max Jocher war dann drei Tage lang wegen geprellter Rippen der Schule
femgeblieben. Die Veilchen auf den Augen hatten ihn noch länger geschmückt.
    Auf der Leinwand trieb ein
zähnefletschendes Gespenst sein Unwesen. Jedesmal wenn es zu arg wurde, lehnte
Gaby sich schutzsuchend an Tarzans starke Schulter.
    Er wagte kaum, sich zu rühren.
Hoffentlich, dachte er, dauert der Film recht lange.
    Max Jocher schien sich zu langweilen.
Statt der — ziemlich verrückten — Filmhandlung zu folgen, blickte er im Saal
umher. Da sich die Filmszene gerade bei Tages- und Sonnenlicht abspielte,
flutete viel Helligkeit von der Leinwand herab. Der Saal war wie erleuchtet.
Man konnte die Köpfe

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