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Herzklopfen für Anfänger

Herzklopfen für Anfänger

Titel: Herzklopfen für Anfänger
Autoren: Lynne Barrett-Lee
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Prolog
    Es ist fünf Uhr siebenundzwanzig am Morgen. In zwölftausend Meter Höhe über dem Nordatlantik fliegt ein Flugzeug schnell und lautlos auf Gatwick Airport zu. An Bord sitzt Nick Brown mit steifem Genick unter einer kratzigen roten Decke. Die meiste Zeit dieser Flugnacht hat er mit erfolglosen Einschlafversuchen verbracht. Seine langen Beine drücken gegen die harte Rückenlehne des Sitzes vor ihm, sein dumpf pochender Kopf lehnt an der cremefarbenen Kabinenverkleidung. Eigentlich sollte er auf einem Gangplatz in der Business Class sitzen. Aber in der letzten Zeit kommt es Nick so vor, als habe sich alles im Leben gegen ihn verschworen: Das Flugzeug, das er eigentlich hätte nehmen sollen, blieb in L.A. auf dem Flughafen, und im Ersatzflugzeug, in dem er gerade noch einen freien Sitz ergattert hat, war nur noch ein Fensterplatz in den hinteren Reihen frei. So musste er zehn quälende Stunden mit einem kleinen Jungen namens Luke und seiner Schwester Georgina verbringen. Und gelegentlich mit ihrer Mutter und einem nach Verdauungsendprodukten riechenden Baby, die eine Reihe vor ihm sitzen, wenn sie sitzen.
    Das Flugzeug dreht nach Osten ab. Der Kapitän verkündet den Beginn des Sinkflugs, und Nick schiebt die Decke zurück. Plötzlich überfällt ihn die Müdigkeit mit unwiderstehlicher Macht. Er leidet unter chronischer Schlaflosigkeit, und es ist symptomatisch, dass jetzt auf einmal seine Augenlider schwer werden und einfach zufallen. In der langen Schlange bei der Ankunft wird er dastehen wie in Trance. Der kleine Junge neben ihm hat einen Fuß in seinem Schritt und umklammert mit einem klebrigen Händchen seine neue Seidenkrawatte. Er würde ihn gern wegschieben, aber er will ihn nicht wecken. Er sieht genauso aus wie sein eigener Sohn in diesem Alter.
    In etwa zwanzig Minuten wird das Flugzeug landen. Er hat nicht nur nicht geschlafen, er hat auch nichts gegessen, und sein Magen hebt sich, als die Nase des Fliegers sich senkt. Mit kalten Füßen tastet er nach seinen Schuhen, zieht die warme Schließe des Gurts unter sich hervor und schnallt sich an. Er reibt sich die Augen, blickt auf die Landschaft unter sich. Weit unter ihm graue Klumpen von Dächern und Gärten. Ab und zu ein Swimmingpool, Garagen und helle, kiesbedeckte Einfahrten. Die auf ländlich getrimmte Landschaft in diesem Teil von Sussex, eine vertraute und doch fremde Szenerie. Sie sinken weiter. Jetzt kann er Autoscheinwerfer erkennen. Blumenbeete in den Gärten. Vorhänge an den Fenstern. Er reckt die Arme und betrachtet die Häuser unter sich. Es ist fünf Uhr zweiundfünfzig, am Horizont geht die Sonne auf. Er kann deutlich erkennen, wie jemand da unten eine Lampe ausschaltet.
    Während das Flugzeug den Norden von Sussex überfliegt und Nick Brown zu seinem frisch bezogenen Bett im Flughafenhotel bringt, schaltet Sally Matthews, die in T-Shirt und Höschen ein wenig fröstelt, die Lampe aus und tapst auf bloßen Füßen wieder ins Bett. Seit drei Uhr dreißig hat sie mit weit offenen Augen auf dem schmalen Bett im Gästezimmer gelegen, nun muss sie wieder ins Ehebett kriechen, weil in achtundsiebzig Minuten ihr Wecker klingelt. Bis dahin wird sie tief und fest schlafen.
    »Chrrrrrr«, macht ihr Mann Jonathan, als er ausatmet. Er hat sich in die Steppdecke gewickelt, und das verbleibende Stück reicht kaum, um ihr Bein zu bedecken. Wenn sie sich an ihren warmen Mann kuscheln würde, hätte sie reichlich Decke, aber das kann sie nicht, weil sie ihn dann aufwecken würde. Und wenn er wach würde, hätte er schlechte Laune. Und wenn er einmal schlechte Laune hätte, bliebe das den ganzen Tag über so. Also liegt sie am Rand der Matratze, atmet ruhig und versucht sich nicht zu viel zu bewegen.
    Sie liegt da und schaut aus dem Fenster. Ihr Schlafzimmer, ein kühler, weitläufiger Raum mit schweren alten Kiefernholzmöbeln, besitzt ein großes Panoramafenster. Sally hat zwar nicht – wie beim Dachfenster im Gästezimmer – den gesamten Himmel über sich, aber von ihrem Platz im Ehebett aus kann sie einen großen Teil des Nachthimmels sehen. Wolkenlos, schwarz und voller Sterne. Sterne, Planeten und vermutlich auch Kometen. Auch jetzt bewegt sich dort oben etwas. Wie in den meisten Nächten wünscht sie sich, dass es eine Sternschnuppe sein möge. Aber heute Nacht geht ihr Wunsch nicht in Erfüllung. Ein rotes Licht ist zu sehen. Ein Flugzeug, das pfeilgerade am Himmel entlangzieht. Wahrscheinlich ein Jumbo, denkt sie. Auf dem Weg nach

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