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Herzflimmern

Herzflimmern

Titel: Herzflimmern
Autoren: Barbara Wood
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    1
    In einer langen Reihe defilierten sie in die Aula und suchten sich so zaghaft, als gähnten Abgründe unter ihnen, ihre Plätze. Fünf Frauen und fünfundachtzig Männer. Die Begrüßungen waren scheu, das Lächeln auf den jungen Gesichtern nervös. Für viele war dies der aufregendste Moment ihres Lebens – der Morgen, auf den sie sich jahrelang vorbereitet hatten. Nun endlich war er da, und sie konnten es kaum glauben.
    Die fünf Frauen kannten einander nicht, dennoch setzten sie sich in der obersten Reihe des Saals nebeneinander, in die Ecke gedrängt, als wollten sie gegen die überwältigende Mehrheit der männlichen Studenten einen Block bilden. Leise sprechend schlossen sie erste vorsichtige Bekanntschaft miteinander, ehe die Einführung begann.
    Die neunzig Studenten, die, unter dreitausend Studenten ausgewählt, an diesem Tag ihr Medizinstudium in der Eliteschule in Palos Verdes am Pazifischen Ozean aufnahmen, waren als Beste von den Colleges abgegangen, wo sie ihr Grundstudium absolviert hatten. Mit Ausnahme von einem Schwarzen, zwei Mexikanern und den fünf Frauen in der letzten Reihe wirkten die Studienanfänger des Jahres 1968 am Castillo Medical College wie aus einem Guß: junge männliche Weiße der Mittel- und Oberschicht. Die Atmosphäre knisterte; Ängste und Beklommenheit der neunzig jungen Leute waren beinahe greifbar.
    Papier raschelte, während die Studenten die Bögen durchblätterten, die man ihnen an der Tür ausgehändigt hatte. Eine Geschichte der Schule – Castillo war früher eine riesige Hazienda gewesen, Eigentum eines alten kalifornischen
hidalgo
; ein Willkommenschreiben, in dem die einzelnen Abteilungen und ihr Personal vorgestellt wurden; eine Liste der Schulvorschriften (kurzes Haar, keine Bärte, Jacketts und Krawatten für die Männer; für die Frauen keine langen Hosen, keine Sandalen, keine Miniröcke).
    Endlich erloschen die Lichter im Saal, der Schein eines einzigen starken Scheinwerfers fiel auf ein Pult, das in der Mitte des Podiums stand. Als Ruhe eingekehrt und aller Aufmerksamkeit auf das Podium gerichtet war, trat eine Gestalt aus dem Schatten ins Licht. Anhand der Fotografie auf der Personalliste erkannten sie alle den Mann. Es war Dekan Hoskins.
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    Einen Moment stand er ganz ruhig, die Hände auf dem Pult, während er langsam die Sitzreihen musterte. Es war, als wolle er sich jedes gespannte neue Gesicht einprägen. Als es schon schien, als wolle er niemals zu sprechen beginnen, als die erste feine Welle der Unruhe durch die Reihen ging, neigte sich Dekan Hoskins zum Mikrofon und sagte langsam und nicht übermäßig laut: »Ich schwöre …« Ein schwaches Echo vibrierte nach jeder Silbe hoch oben in der Kuppel des Saals, »… bei Apollon, dem Arzt, bei Asklepios, Hygieia, Panakeia –« Er holte tief Atem, und seine Stimme schwoll an, »und rufe alle Götter und Göttinnen zu Zeugen an, daß ich diesen Eid und meine Verpflichtung nach Fähigkeit und Einsicht erfüllen werde.«
    Die neunzig jungen Leute starrten ihn an wie gebannt. Seine Stimme hatte ein beeindruckendes Timbre, die Worte waren wohlgesetzt; er sprach mit den Intonationen und Schwingungen eines meisterhaften Redners und schuf bei jedem seiner Zuhörer die Illusion, er spreche einzig zu ihm.
    »Nämlich den, der mich in dieser Kunst unterwiesen hat, gleich meinen Eltern zu achten, sein Lebensschicksal zu teilen.« Dekan Hoskins hielt inne, schloß die Augen und artikulierte jedes Wort mit Nachdruck. »Ärztliche Verordnungen werde ich treffen zum Nutzen der Kranken nach meiner Fähigkeit und meinem Urteil; drohen ihnen aber Gefahr und Schaden, so werde ich sie davor bewahren.«
    Die Atmosphäre in der Aula lud sich mit den Energien neunzig entschlossener Ärzte
in spe
auf. Alle Unsicherheiten und Ängste, die sie vielleicht beim Betreten der Aula geplagt hatten, bannte Dekan Hoskins mit der Deklamation des Eides. »Lauter und fromm werde ich mein Leben gestalten und meine Kunst ausüben. In alle Häuser aber, in wie viele ich auch gehen mag, will ich kommen zum Nutzen der Patienten, frei von jedem bewußten, Schaden bringenden Unrecht; insbesondere mich aber fernhalten von jedem Mißbrauch an Männern und Frauen, Freien und Sklaven.«
    Er zeigte ihnen die Zukunft und er zeigte ihnen, daß es
ihre
Zukunft war. »Was ich während meiner Behandlung sehe und höre …«, wieder eine Pause, dann schwoll die Stimme von neuem an, »… werde ich als Geheimnis hüten. Wenn ich diesen Eid

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