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Herrgottswinkel

Herrgottswinkel

Titel: Herrgottswinkel
Autoren: Ramona Ziegler
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DAS ES EINMAL SO WEIT KOMMEN WÜRDE, HÄTTE ICH mir selbst in meinen schlimmsten Träumen nicht ausmalen können. Mir war in meinem Leben nie etwas geschenkt worden, geschweige denn in den Schoß gefallen, aber die letzten vierundzwanzig Stunden stellten alles in den Schatten, was mir in meinem bisherigen Leben zugestoßen war. Es war stets ein harter Kampf gewesen, meine Ziele zu erreichen – obwohl diese gar nicht übermäßig zahlreich oder übertrieben ehr geizig waren –, trotzdem hatte ich dafür viele Jahre des Wartens, der Demütigungen und Beleidigungen hinnehmen müssen. Doch Beharrlichkeit, Offenheit und vor allem mein Vertrauen – vielleicht könnte man es auch als eine Art naiver Nächstenliebe bezeichnen – hatten mich meinen bescheidenen Vorstellungen vom Glück mittlerweile ein ganzes Stück näher gebracht. Der hinter mir liegende Tag hatte jedoch all dies zunichtegemacht, und nun stand ich auf den Ruinen meines bisherigen Lebens. Ich konnte nicht mehr. Ich wollte nicht mehr. Und weder von der Kraft noch von dem Mut, noch einmal ganz unten anzufangen, war mir etwas geblieben.
    Im Haus waren schon alle zu Bett gegangen, und auch mein Mann gab neben mir die gleichmäßigen, tiefen Atemgeräusche des traumlosen Schläfers von sich. Nur ich konnte wieder einmal keine Ruhe finden. Wo ich ihn doch jetzt so dringend gebraucht hätte, nachdem wir gerade den heftigsten Streit unserer gesamten Ehe hinter uns – nein, besser gesagt, ohne Klärung vertagt – hatten. Aber das war typisch für Franz, er entzog sich immer von Neuem unseren Konflikten. Im Augenblick war es der Schlaf, der ihm die Möglichkeit bot, sich weitere Diskussionen zu ersparen. Sein Schlusssatz in unserer vorausgegangenen Auseinandersetzung hatte gelautet: »Ich kann und ich mag nicht mehr!« Typisch! Statt unsere Situation zu bereden und gemeinsam eine Lösung zu finden, zog er sich zurück und ließ mich mit den Schwierigkeiten allein. Doch nun hatte ich ein für alle Mal genug davon, es gab keinen Zweifel mehr für mich: Ich hatte mich in ihm getäuscht, er stand nicht wirklich zu mir. Liebe sah anders aus als das, was er mir zu geben bereit war.
    Sollte es Agnes, die Frau meines Schwagers, also doch geschafft haben, unsere Ehe zu zerstören! Seit Jahren musste ich mich von ihr und von Eberhart, dem fünfzehn Jahre älteren Bruder meines Mannes, demütigen lassen. Fast hatte ich mich daran gewöhnt, mit ihren andauernden Beschimpfungen zu leben, obwohl mein Selbst bewusstsein und mein inneres Gleichgewicht inzwischen äußerst in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Doch ich hatte ja meinen Mann, der mich immer wieder aufrichtete, und vor allem meine Kinder, die mich brauchten. Seit gestern war nun alles anders!
    »Ich verstehe dich einfach nicht mehr, Julia«, hatte Franz bei unserem Streit zu mir gesagt. »Mein Bruder und seine Frau sind dort, und wir leben hier in unseren vier Wänden. Lass sie doch sagen und machen, was sie wollen.«
    »Dazu bin ich ja bereit! Auch, dass ich in ihren Augen eine Hure sein soll, dass sie unterstellen, Susanne sei vielleicht gar nicht von dir, und dass ich nie die Richtige für dich sein werde, damit könnte ich leben. Aber dass du es nicht fertigbringst, an meiner Seite zu stehen, wenn sie mich so niedermachen, das nehme ich dir übel«, erwiderte ich auf gebracht.
    »Soll ich mich auch noch mit ihnen anlegen, reicht es nicht, wenn sie mit dir über Kreuz sind?«
    Sicher, für ihn war die Situation nicht einfach, immerhin war es sein Bruder, aber um eine Entscheidung würde er nicht herumkommen.
    »Ja, das solltest du, weil wir jetzt eine Familie sind und zueinander stehen müssen. In guten wie in schlechten Zeiten – das war doch auch dein Wille, oder erinnerst du dich nicht mehr? Wenn du von mir verlangst, ich solle das alles weiter erdulden, dann muss ich schon an deinen Versprechen zweifeln – und an deiner Liebe ebenfalls.«
    Danach gab ein Wort das andere, immer hitziger warfen wir uns gegenseitig unsere Verfehlungen an den Kopf, und am Schluss knallten Türen. Erst viel später im Bad folgten jene Sätze, die mich jetzt nicht einschlafen ließen: »Ich kann und ich mag nicht mehr! Vielleicht sollten wir uns besser trennen.«
    Für mich brach eine Welt zusammen, ich glaubte, meinen Ohren nicht zu trauen. Mein Mann nahm es tatsächlich in Kauf, dass unsere Familie zerbrach, weil ich die ständigen Beleidigungen seines Bruders nicht weiter ertragen wollte, denn es war nur Eberhart, der mir

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