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Heimkehr am Morgen (German Edition)

Heimkehr am Morgen (German Edition)

Titel: Heimkehr am Morgen (German Edition)
Autoren: Alexis Harrington
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aber …« Er legte sich die Hände an den Kopf wie um zu verhindern, dass ihm der Schädel platzte. Als er matt lächelte, fiel Jess auf, dass er immer noch blass aussah und fiebrige Augen hatte. Seine Nebenhöhlen und Bronchien waren verschleimt, das konnte man hören, denn er klang, als hätte ihm jemand einen Eimer über den Kopf gestülpt. Plötzlich wurde er von einem Hustenanfall geschüttelt, der so heftig war, dass Jess halb erwartete, er würde seine Lungen auf den Boden des Wartezimmers spucken.
    Sie runzelte die Stirn. »Du hast einen ziemlich bösen Husten.«
    »Ja, Ma’am«, keuchte er. »Er kam ganz schnell. Ich schwöre, alles tut mir weh, jeder Muskel in meinem Körper. Und mir ist eiskalt. Ich gehe nach Hause und lege mich ins Bett, aber vielleicht könnten Sie mir etwas gegen die Schmerzen geben?«
    Jess lehnte sich zurück und musterte ihn. Es könnte wirklich nur eine schlimme Erkältung sein. Oder aber etwas Ernsteres. Bevor Amy zu ihrem Treffen des Kriegsanleihen-Komitees aufgebrochen war, hatte sie von Medikamenten im hinteren Zimmer gesprochen. Jess hatte allerdings noch keine Zeit gehabt nachzusehen, und in ihrer Tasche befand sich Aspirin. »Also gut. Versuchen wir es mit einem einfachen Mittel.« Sie öffnete die Schnappverschlüsse der Tasche und zog das Apothekerfläschchen heraus. Beim Durchsuchen einer Seitentasche förderte sie außerdem einen leeren Umschlag zutage und zählte die Tabletten ab. »Hier hast du zehn Stück – nimm alle vier bis sechs Stunden zwei davon.«
    Er nahm das Kuvert entgegen und würgte zwei Tabletten hinunter, bevor sie ihm ein Glas Wasser geben konnte.
    »Danke, Ma’am, ich meine, Frau Doktor.«
    »Kann dich dein Vater abholen?«
    »Er hat im Büro zu tun.«
    Sie nickte. »Na schön. Dann lass uns einen besseren Platz für dich finden, wo du auf ihn warten kannst.« Sie ging den kurzen Flur entlang, der zu einem Behandlungszimmer und einem Arbeitszimmer führte. In Letzterem stand ein Rosshaarsofa in passablem Zustand, das bequemer sein würde als der harte Holzstuhl vorn.
    »Eddie«, rief sie, »komm und setz dich hierher.«
    Er rappelte sich mühsam auf. »Nur ein paar Minuten. Ich musste in Camp Lewis viel marschieren und kann zu Fuß nach Hause laufen, wenn das Aspirin zu wirken beginnt.«
    Das hielt sie für keine gute Idee, wollte jedoch nicht streiten. »Trotzdem, ich werde deinen Vater benachrichtigen. Jetzt muss ich ein paar Sachen erledigen, aber ich sorge dafür, dass du nach Hause kommst.«
    Als Jess ihn auf dem Sofa zurückließ, konnte sie ihre Sorge nicht abschütteln. Immerhin, sagte sie sich, ist er ein kräftiger, kerngesunder junger Mann. Dennoch erschien es ihr seltsam, dass ihn eine Erkältung so plötzlich hingestreckt hatte. Das war kein normaler Verlauf.
    Sie schlängelte sich durch das Gedränge auf dem Gehweg, und da kam ihr der Bürgermeister entgegen. Er schritt zielstrebig aus.
    »Jessica! Ich meine Miss – Dr. Layton. Nach Ihnen suche ich.« Horace Cookson war ein stämmiger Mann Mitte vierzig, ein Milchfarmer, der eine etwas ramponierte, schlichte Würde an sich hatte. Seine Hemdärmel waren bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, an seiner Weste fehlte der unterste Knopf und seine Krawatte saß schief. Er wirkte ständig in Eile, mit dem einen noch nicht fertig und schon an das Nächste denkend. An jedem Wochentag stand er vor dem Morgengrauen auf, melkte seine Kühe, zog seine guten Sachen an und machte sich auf in die Stadt.
    »Wenn es um Eddie geht …«
    »Ich habe gehört, dass Sie wegen ihm mit Granny Mae aneinandergeraten sind. Er wird doch wieder, oder?«
    »Er hat sich in der Arztpraxis hingelegt und muss nach Hause gebracht werden. Er will zwar zu Fuß gehen, aber das schafft er nicht.«
    Der Bürgermeister nickte, offenbar nicht im Mindesten besorgt. »Eddie ist jung und stark und kommt schon wieder auf die Beine. Ich lasse ihn von jemandem abholen – seine Mutter wird einen Mordswirbel um ihn machen. Aber jetzt würde ich gern mit Ihnen sprechen. Bitte«, sagte er und zeigte in Richtung des kleinen Rathauses von Powell Springs am Ende der Straße. »Würden Sie für einen kleinen Plausch mit in mein Büro kommen?«
    Jessica runzelte leicht die Stirn. »Worüber? Der Bezirk will doch nicht etwa immer noch Grundsteuer von mir eintreiben …?«
    Er winkte ab. »Nein, ganz bestimmt nicht. Außerdem habe ich mit dem Finanzamt nichts zu tun. Nein. Es geht um etwas anderes.«
    »Ach

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