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Heimkehr am Morgen (German Edition)

Heimkehr am Morgen (German Edition)

Titel: Heimkehr am Morgen (German Edition)
Autoren: Alexis Harrington
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Kapitel 1
    Oktober 1918
Powell Springs, Oregon
    Als der Neun-Uhr-zehn-Zug in den Bahnhof von Powell Springs tuckerte, spähte Jessica Layton angestrengt durch das schmutzige Fenster.
    Sie war zu Hause. In ihrer Heimatstadt – obwohl sie sich geschworen hatte, niemals hierher zurückzukehren.
    Der Zug kam zum Stillstand, und sie hörte Jubelrufe. Durch die trübe Scheibe sah Jessica ein dichtes Menschengedränge im Morgensonnenschein.
    Samstags herrschte immer Trubel in der Stadt, aber was sich hier abspielte, ging über das übliche Treiben hinaus.
    Überall Fahnen, an Masten und Häuserfronten, und auch die Menschen wedelten mit Fahnen und hielten Plakate hoch. Von manchen starrte Uncle Sam mit strenger Miene aus der fröhlichen Menge, auf anderen standen Schlachtrufe wie: »Nieder mit den Deutschen!«
    Kinder lachten. Lächelnde Frauen schwenkten Taschentücher, während sich in dem dichten Gewühl aus Pferden, Wagen undMenschen jeder einen möglichst guten Blick auf das vorbeiziehende Spektakel zu verschaffen versuchte.
    Als Jess auf den Bahnsteig trat, die schwarze Ledertasche fest im Griff, schmetterte die örtliche Blaskapelle eine kümmerliche, aber so ohrenbetäubende Version von »Stars and Stripes Forever«, dass es Jess schier zurück in den Zug blies.
    Zwar sah sie die Rückkehr in die vertraute Umgebung mit gemischten Gefühlen, dennoch empfand sie eine unerwartete Nostalgie, die noch verstärkt wurde durch den Geruch nach Herbst in der Luft und die frische, klare Brise, nachdem sie eine Woche in einem Pullmanwagen eingesperrt gewesen war.
    Ihre Schwester Amy sollte sie abholen, in ihrem Telegramm an Jessica hatte sie allerdings keine Parade erwähnt; von Amy war keine Spur zu sehen.
    Jessica beauftragte einen betagten Gepäckträger, den Transport ihrer Koffer ins Hotel zu arrangieren, dann bahnte sie sich ihren Weg durch die Zuschauer, die wie Hühner in einem überfüllten Stall drängelten und schubsten. Beim Aufblicken sah sie, wie ihre Schwester vorbeifuhr und dabei lächelnd in die Menge winkte, eher wie eine Königin in einer Sänfte als eine ganz normale Frau von nebenan in einem robusten Fuhrwerk. Neben ihr saßen mehrere Personen, die Jess nicht kannte. Überrascht winkte Jess zurück, obwohl ihr bewusst war, dass Amy sie nicht sehen konnte. Die Parade führte an der Lagerhalle vorbei, um die Pferdetränke herum, wo nun eine plumpe Nachbildung der Freiheitsstatue stand, und bog dann nach links in die Hauptstraße ab.
    Jess wandte sich an die Frau neben ihr und fragte: »Was ist hier denn eigentlich los?«
    Als die Frau sich zu ihr drehte, erkannte Jess Susannah Braddock, die übers ganze Gesicht strahlte. »Jessica!« In ihrer Begleitung befanden sich ein schlaksiger Mann um die dreißig und zwei kleine Jungen.
    »Susannah, du siehst großartig aus.« Tatsächlich fand Jess, dass Susannah ein bisschen schmal wirkte und einen müden Zug um die Augen hatte. Sie trug ihr schwarzes Haar immer noch inlangen, glänzenden Locken, die nur von zwei Schildpattkämmen gebändigt wurden. Das dunkle Haar und die dunklen Augen verliehen ihr etwas Exotisches.
    »Wie schön, dich wiederzusehen«, sagte Susannah und deutete dann auf die Straße.
    »Das ist eine Werbekampagne für den Kauf von Kriegsanleihen. Der Sohn von Bürgermeister Cookson trägt bereits Uniform und kommt als Ehrengast.«
    »Wirklich?« Der kleine Eddie Cookson war schon alt genug, um Soldat zu sein?
    Susannah ergriff Jess’ behandschuhte Hand. »Ich bin froh, dass du wieder da bist, wenn auch nur für eine Weile. Eigentlich hätten wir gar keine Zeit für einen Besuch in der Stadt, aber ich war schon seit Wochen nicht mehr hier, und es tut gut, mal von der Farm wegzukommen. Außerdem wollten die Jungs die Parade sehen.« Sie nickte zu den beiden Jungen, die sich für eine bessere Sicht nach vorn durchgeschlängelt hatten. Dann wandte sie sich ihrem Begleiter zu.
    »Jess, das ist Tanner Grenfell. Er und seine beiden Neffen sind vor ein paar Jahren gekommen, um uns bei der Arbeit zu helfen.«
    Der mittelgroße Mann mit sandfarbenem Haar tippte sich an die Hutkrempe. »Ma’am.«
    »Wir wüssten nicht, wie wir ohne ihn auskämen, jetzt wo Riley im Krieg ist. Tanner kann fantastisch mit Pferden umgehen. Das muss sogar Cole zugeben, und der kann ziemlich pingelig sein.«
    Das wusste Jess nur allzu gut, sehr viel besser, als Susannah es sich vorstellen konnte.
    »Aber Miss Susannah …« Tanner errötete, doch Jess sah ihm an, dass er sich

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