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Hannas Wahrheit (German Edition)

Hannas Wahrheit (German Edition)

Titel: Hannas Wahrheit (German Edition)
Autoren: Kerstin Rachfahl
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Afrika
    T agelang war der Regen ausgeblieben. Staub hüllte den Jeep ein, er drang durch jede Ritze in das Innere des Fahrzeugs. Wie ein feiner Film legte er sich auf die Menschen und gab allen das gleiche gelbliche Aussehen. Hanna Rosenbaum konnte den Staub sogar auf ihren Zähnen spüren. Vor einer ganzen Weile schon hatte sie aufgehört, den Mund mit Wasser zu spülen. Es war zwecklos, nach ein paar Minuten fühlte sich alles genauso trocken an wie zuvor. Selbst das Tuch über Nase und Mund nützte nichts. Besorgt dachte sie an ihre teure Kameraausrüstung.
    Sie sah nach vorn. Ochuko Mutai fuhr konzentriert in einem gleichmäßigen Tempo. Wie Ochuko Mutai durch den Staub hindurch überhaupt die Straße sehen konnte, war ihr absolut schleierhaft. Sie drehte sich zu ihrem Reisegefährten Harald Winter um, der leise vor sich hin schimpfend versuchte, die Kappe seiner Wasserflasche zu öffnen. Harald Winter hatte ihr vor zwei Stunden den Platz neben dem Fahrer überlassen, in der Hoffnung, dass es im hinteren Teil des Wagens etwas weniger staubte.
    Winter fluchte, als der Fahrer das Auto anhielt. „Was ist los?“, fragte er ihn auf Englisch. Sie hörte die Gereiztheit in seiner Stimme. Nach zwei Wochen Wanderschaft mit Zelt, schlafen auf dem Boden und aufgewärmtem Essen über dem Feuer, sehnte er sich nach einem weichen Bett, so gut kannte sie ihn schon von ihren früheren Reisen.
    Hanna Rosenbaum ergriff ihre Kamera, stieg aus dem Fahrzeug und begann, Fotos von der Landschaft zu machen. Im Augenwinkel sah sie, wie sich Ochuko Mutai zu Harald Winter umdrehte.
    „Ich würde gerne bei meiner Schwester vorbeischauen, ihr Dorf ist nicht weit von hier entfernt, und von dort ist es nur noch eine Stunde bis zum Flughafen von Zaria. Wir wären in jedem Fall rechtzeitig da.“
    Sie schaute von ihrem Objektiv auf. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie wusste, Harry würde einwilligen. Sie mochten beide den schweigsamen Ochuko, der zu einem Lieblingsmotiv von ihr geworden war.
    Sie waren für den National Geografik in Nigeria unterwegs. Während Harald Winter eine Reportage über die Umweltschäden durch die Erdölförderung im Nigerdelta schrieb, war Hanna Rosenbaum für die Fotos zuständig. Sie fand in allem, was sie umgab, die Schönheit der Schöpfung. Das, was sie in der Natur berührte, versuchte sie in ihren Fotos einzufangen.
    Die Reise war für alle anstrengend gewesen, eine kurze Pause, dachte Hanna, würde allen guttun. Außerdem war sie neugierig auf die Schwester von Ochuko Mutai. In seiner unvergleichlich indirekten Art, hatte er ihr einiges über sie erzählt. Liebe und Respekte waren gleichermaßen durch seine Worte geflossen. Bis zu ihrem Rückflug nach Nairobi, von wo sie in zwei Tagen die Rückreise nach Deutschland antreten würden, war noch genügend Zeit für den kleinen Abstecher.
    „Hanna, wir fahren weiter“, hörte sie Harry rufen. Sie lag flach auf dem Boden, um eine bessere Perspektive für den Käfer zu haben, den sie entdeckt hatte. In seiner Stimme lag eine Spur von Ekel. Sie musste grinsen. Als sie ihm das Foto einer monströsen Spinne, die sie am Tag zuvor in ihrem Lager fotografiert hatte, gezeigt hatte, war er kreidebleich geworden.
    Sie stand auf, klopfte sich den Staub aus den Klamotten, was völlig vergeblich war, und stieg zu den Männern ins Fahrzeug. Ochuko Mutai grinste, was sie zum Anlass nahm, ein weiteres Foto von ihm zu schießen.
    „Ich frage mich, wen du mit deinem Fotografieren nervst, wenn du wieder zu Hause bist“, brummte Harald Winter.
    „Dich“, antwortete sie und schoss ein Foto von ihm. „Sag mal, Ochuko“, wandte sich Hanna an den Fahrer, „warum hast du gerade über mich gelacht?“
    „Weil ich noch keine Frau kennengelernt habe, die jede Gelegenheit nutzt, um sich im Dreck zu wälzen, und das für die ekeligsten Geschöpfe auf dieser Erde.“
    Sie lachten alle. Als Beschreibung von Hannas Tätigkeit in den letzten Wochen war das ziemlich zutreffend. Vor vier Jahren war sie das erste Mal mit Harald Winter zusammen unterwegs gewesen. Ein Fotoreporter war erkrankt, und eine Agentur hatte sie kurzfristig für einen Auftrag über den Ganges angefragt. Das war Hanna Rosenbaums Chance gewesen, in die Liga der professionellen Fotoreporter einzusteigen. Damals war sie vierundzwanzig Jahre alt gewesen und ein vollkommen unbeschriebenes Blatt. Harald Winter hatte sich maßlos geärgert, als er sie in Indien an die Seite gestellt bekam. Sie erinnerte sich noch

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