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Großstadt-Dschungel

Großstadt-Dschungel

Titel: Großstadt-Dschungel
Autoren: Sarah Mlynowski
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1. KAPITEL
    I diot. Idiot, Idiot, Idiot
.
    Unglaublich, was für ein Idiot er ist. Ich hadere mit mir, ob ich das Risiko eingehen soll, meinen Boss zu verärgern, indem ich Wendy in New York anrufe. Für kleinere Notfälle reicht ein Gespräch mit Natalie in Boston zum Ortstarif: Nervereien mit den Kollegen, Pläne für den Abend, Langeweile … Aber das hier – diese absolute Erniedrigung durch einen Mann, diese entsetzliche Verhöhnung, rechtfertigt einen Notanruf bei Wendy.
    Für den Fall, dass meine Chefin, die die Korrekturarbeiten des Verlags koordiniert, vorbeikommt, verkleinere ich vorsichtshalber mein Computerfenster mit den E-Mails. Anstelle von Jeremys Akt der Zerstörung in Form einer E-Mail aus Thailand sieht Shauna dann nur Cowboy, Millionär und Dad, also den Text des Manuskripts, das ich korrigieren soll. Dann wähle ich Wendys Büronummer.
    „Meine Name ist Wendy“, meldete sie sich mit ihrer sachlichsten Investment-Bankerin-Stimme. „Was kann ich für Sie tun?“
    Ich hasse ihn. Oh, wie ich ihn hasse. „Ich bin’s“, sage ich.
    „Ich glaube, ich habe paranormale Fähigkeiten. Zuerst wollte ich nicht abnehmen, aber dann dachte ich, dass du es sein könntest.“
    Jetzt ist keine Zeit für Smalltalk. „Hast du zufällig auch irgendwelche Schwingungen gehabt, dass dieser Idiot in Thailand eine Frau kennen lernt und mir das in einer E-Mail schreibt?“ Ich werde nie mehr mit ihm sprechen. Wenn er mir eine E-Mail schickt, dann lösche ich sie. Wenn er mich anruft, lege ich auf. Wenn er erkennt, dass er ohne mich nicht leben kann, den ersten Flieger nach Boston nimmt, sofort zu mir eilt und mir einen Brillantring schenkt, der mindestens das Fünffache seines Gehalts gekostet hat – wenn er ein Gehalt hätte! –, dann knalle ich ihm die Tür vor der Nase zu. (Okay … wahrscheinlich würde ich ihn dann heiraten. So verrückt bin ich schließlich nicht.)
    „Mist“, sagt Wendy. „Was ist das für eine?“
    „Keine Ahnung. Irgendein Mädchen, das er kennen gelernt hat, während er damit beschäftigt war, ‚sich selbst zu finden‘. Er hatte sich ja seit drei Wochen nicht mehr bei mir gemeldet. Und dann schreibt er ‚Hi, wie geht’s dir? Mir geht’s gut, und ich habe mich verliebt.‘“
    „Hat er wirklich das L-Wort erwähnt?“
    Jeremy hat niemals zuvor das L-Wort geschrieben, geschweige denn es laut ausgesprochen. Ich bin fest davon überzeugt, dass seine Hände und Lippen genetisch so programmiert sind, dass sie unmöglich die Buchstabenfolge L-I-E-B-E formen können.
    Oh, wie ich ihn hasse.
    „Nein, er hat nur geschrieben, dass er mit einem Mädchen zusammen ist.“
    „Aber hattest du ihm nicht sogar gesagt, dass er sich mit anderen Frauen verabreden kann?“
    „Ja, schon. Allerdings habe ich doch nicht geglaubt, dass er das wirklich machen würde.“
    Unglücklicherweise stelle ich mir sowieso ständig vor, wie das abläuft. In meinen Träumen sehe ich Jeremy, wie er Orgien mit nackten Thailänderinnen veranstaltet. Anstelle von an „Cowboy“ zu arbeiten, habe ich das Bild vor Augen, wie er, von Drogen berauscht, wilden Sex mit einer 1,80 m großen holländischen Göttin hat, die wie Claudia Schiffer aussieht und mit Stilettoabsätzen und in Caprihosen durch Thailand wandert.
    Bis jetzt habe ich jedoch immer angenommen, dass diese quälenden Vorstellungen nur ein Ausdruck meiner überspannten Wenn-er-mich-wirklich-lieben-würde-würde-er-nicht-ohne-mich-reisen-wollen-Paranoia seien. Eigentlich hätte Jeremy nach einem Monat zurückkommen und mir sagen sollen, dass, während er weg war, um „sich selbst zu finden“, ihm plötzlich klar geworden ist, dass er mich wahnsinnig liebt und den Rest seines Lebens damit verbringen will, meinen schönen Körper mit heißen Küssen zu bedecken, wobei er ständig das L-Wort benutzt.
    Aber er wollte ja unbedingt gehen und damit alles kaputt machen.
    „Jackie, er ist schon seit zwei Monaten auf seinem Trip durch Asien. Wahrscheinlich hat er bereits mit halb Thailand geschlafen. Lies mir mal seine E-Mail vor.“
    Würde mein Computer abstürzen, wenn ich mich auf ihn übergeben würde?
    „Ich kann sie bei der Arbeit nicht laut vorlesen. Ich schicke sie dir. Moment … eine Sekunde … hast du sie?“
    Millionär erscheint wieder auf meinem Bildschirm.
    „Bleib mal dran, ich habe auf der anderen Leitung einen Anruf.“ Wendy schaltet mich in die Warteschleife, und eine Fahrstuhlversion von Chicagos „You’re the Inspiration“ erklingt.
    O

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