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Gralszauber

Titel: Gralszauber
Autoren: Wolfgang Hohlbein
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bis auf seine Schultern
und seinen Rücken herab, war aber schon so dünn geworden, dass seine Kopfhaut hindurch schimmerte. Sein Gesicht schien nur aus Falten und Runzeln zu bestehen und
sein Hals war so dünn, dass sich Dulac manchmal fragte,
wieso er nicht einfach abbrach. Dulac hatte es nie gewagt,
ihn nach seinem Alter zu fragen, aber er schätzte, dass er
mindestens hundert sein musste, wenn nicht mehr. Alles
an ihm wirkte alt und seine Bewegungen waren manchmal
schon ein wenig zittrig.
Einzig seine Augen passten nicht zu diesem Eindruck,
denn obwohl auch sie in ein Netz aus zahllosen winzigen
Falten eingebettet waren, wirkten sie so klar und wach wie
die eines jungen Mannes.
Normalerweise jedenfalls.
Heute waren seine Augen trüb und er sah noch viel älter
aus als sonst. Sein Gesicht war grau und die fahrige Art,
mit der er sich bewegte, ließ ihn regelrecht gebrechlich
wirken. Als Dulac hereinkam, sah er nur flüchtig auf und
senkte den Blick dann wieder in den brodelnden Suppentopf.
»Bitte verzeiht, Dagda«, stieß Dulac kurzatmig hervor.
»Ich weiß, ich bin zu spät, aber es ist –«
»Spar dir deine Entschuldigungen und hilf mir lieber«,
fiel ihm Dagda ins Wort. »Rasch, zieh dein bestes Gewand
an und dann geh und bring dem König und seinem Besuch
Wein.«
Dulac sah einen Moment lang hilflos an sich herab. Er
trug sein bestes Gewand – das zugleich auch sein einziges
war.
Bis vor zwei Jahren hatte das schmucklose Kleidungsstück Tanders ältestem Sohn gehört, bevor dieser herausgewachsen war, und der Schankwirt hatte den zerrissenen
Fetzen, großzügig wie er nun einmal war, seinem Pflegesohn Dulac geschenkt.
»Was ist?«, fragte Dagda. »Träumst du? Nimm den
Wein, schnell. Artus ist nicht gerade bester Laune. Ich
glaube, sein Besucher hat keine guten Neuigkeiten gebracht.«
Dulac tat, wie ihm geheißen, und hütete sich zu widersprechen. Für Dagdas Verhältnisse war dies schon ein
ungewöhnlich scharfer Verweis gewesen. Irgendetwas
stimmte mit ihm nicht. Dagda war einer der wenigen Menschen auf Camelot, die es wirklich gut mit ihm meinten;
vielleicht sogar der einzige wirkliche Freund, den er hatte.
Aber auch darum würde er sich später kümmern. Jetzt
galt es, möglichst schnell in den Thronsaal hinaufzukommen.
Dagda hatte Recht: Artus war nicht gerade gut gelaunt,
wenn er so früh geweckt wurde.
Wolf wollte ihm folgen, aber Dulac scheuchte ihn mit
einem scharfen Befehl zurück. Artus mochte keine Tiere
und Hunde schon gar nicht. Schwankend unter der Last
eines hoch beladenen Tabletts verließ er die Küche und
machte sich auf den Weg zum Thronsaal.
Gottlob war Burg Camelot nicht besonders groß. Viele
Fremde, die das erste Mal hierher kamen, waren überrascht und nicht wenige regelrecht enttäuscht, wenn sie die
sagenumwobene Burg König Artus’ und seiner Ritter das
erste Mal sahen, denn Camelot bestand im Grunde aus
nicht viel mehr als dem Wohnhaus des Königs und seiner
Gefolgsleute, einem angrenzenden, dreißig Meter hohen
Wehrturm und einem Viereck aus wuchtigen Mauern, die
beides umschlossen. Und seine Wände bestanden auch
nicht aus Gold, wie die Legende behauptete, sondern aus
grobem Sandstein, der eher die Farbe von frischem Hühnermist hatte – wenigstens, wenn man Dagdas Worten
glauben wollte.
Aber es war eine Burg, und auch wenn seine Bewohner
meistens unrasiert waren, fast immer schlecht rochen und
dem Wein nur zu oft über die Maßen zusprachen, so waren sie doch trotzdem Ritter und es war Dulacs größter
Herzenswunsch, eines Tages ein ebensolcher Ritter zu sein
und einen festen Platz an Artus’ Tafel zu haben. Irgendwann einmal, das wusste er einfach, würde auch er eine
Rüstung tragen und in die Welt hinausziehen, um gegen
Heiden und Dämonen zu kämpfen und den Frieden im
Lande zu sichern.
Schwer atmend erreichte er das erste Stockwerk, in dem
Artus’ Thronsaal lag. Seine Schritte wurden langsamer, je
mehr er sich dem Thronsaal näherte. Aufgeregte Stimmen
drangen an sein Ohr: Artus’, Gawains und einiger anderer
Ritter der Tafel, aber auch die Stimme eines Fremden, die
in einem schwer verständlichen Dialekt sprach und nicht
besonders freundlich klang. Dulac verlangsamte seine
Schritte noch mehr und fuhr sich mit den gespreizten Fingern der linken Hand durch das verstrubbelte Haar, ehe er
den Thronsaal betrat.
Nur sehr wenige Ritter hielten sich im Moment im
Thronsaal auf. Abgesehen von Artus und Gawain, deren

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