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Gralszauber

Titel: Gralszauber
Autoren: Wolfgang Hohlbein
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einen weiteren Schritt und blieb stehen. Das Leben rann jetzt immer schneller aus ihm heraus
und die Zeit, die ihm noch blieb, war eher in Sekunden als
in Minuten zu rechnen. Sein Mantel war schwer von seinem eigenen Blut, das sich zwischen seinen Füßen zu einer dunklen Lache sammelte, und ein Gefühl tückischer,
wohl tuender Mattigkeit begann immer mehr von seinen
Gliedern Besitz zu ergreifen. Vielleicht begriff er erst in
diesem Moment wirklich, was Gwinneth gemeint hatte, als
sie ihm sagte, er solle auf die Mächte vertrauen, die ihn
hierher geschickt hatten.
Vor ihm lag die Rettung.
Wenn er diese letzten Schritte tat, dann würde er weiterleben. Und doch zögerte er sie zu tun, denn er würde zwar
leben, aber gleichzeitig auch sterben. Das Einhorn war
gesattelt und aufgezäumt. Schild und Waffengurt des Silbernen Ritters hingen an seinem Sattelzeug und hinter dem
weißen Sattel sah er das Schimmern von weiterem, silberfarbenem Metall. Lancelots Rüstung. Zweimal hatte er sie
bereits bekommen und zweimal hatte er das Geschenk, das
sie bedeutete, zurückgewiesen. Ein drittes Mal würde es
ihm nicht gestattet werden, sich zwischen zwei Leben zu
entscheiden.
Aber habe ich das nicht längst getan?, dachte er müde.
Er hatte geglaubt, als Dulac nach Camelot zurückkehren
zu können, aber das war falsch gewesen. Der Dulac, der er
früher einmal gewesen war, hatte in dem Moment aufgehört zu existieren, in dem er das erste Blut vergossen hatte.
Mordred hatte nur zu Ende gebracht, was er selbst bei
seinem ersten Besuch auf Malagon begonnen hatte. Er
hatte nur die Wahl, es hier und jetzt ein für alle Mal enden
zu lassen oder als Lancelot du Lac wieder geboren zu
werden, und diesmal war es ein Weg ohne Zurück. Er
fürchtete sich vor dem Tod, aber er fürchtete sich auch vor
dem, was aus ihm werden könnte. Artus und die meisten
seiner Ritter mochten Lancelot bewundern und ihm vorbehaltlos vertrauen, aber Dulac – den es so oder so in wenigen Augenblicken nicht mehr geben würde – fürchtete
ihn.
Das Einhorn hob den Kopf und schnaubte und Dulac
begriff den Sinn dieser Aufforderung. Seine Zeit war endgültig vorbei.
»Gwinneth«, flüsterte er.
Er hatte sich entschieden.

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