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Grabstein - Mùbei: Die große chinesische Hungerkatastrophe 1958-1962 (German Edition)

Grabstein - Mùbei: Die große chinesische Hungerkatastrophe 1958-1962 (German Edition)

Titel: Grabstein - Mùbei: Die große chinesische Hungerkatastrophe 1958-1962 (German Edition)
Autoren: Yang Jisheng
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    Ende April 1959, ich machte gerade in der unterrichtsfreien Zeit für das Komitee des Kommunistischen Jugendverbandes eine Wandzeitung für das Jugendfest anlässlich des 40. Jahrestages der 4. Mai-Bewegung, als Zhang Zhibai, ein Freund aus Kindertagen, von Wanli nach Xishui zu mir in die Mittelschule gelaufen kam. Er sagte: »Dein Vater verhungert, du musst sofort zurück, am besten nimmst du ein bisschen Reis mit!«
    Weiter sagte er: »Dein Vater hat vor lauter Hunger nicht mehr die Kraft, Rinde von den Bäumen zu schälen, er wollte nach Jiangjiayan, Salz kaufen, damit er Salzwasser trinken konnte, aber er ist unterwegs zusammengebrochen, ein paar Leute aus Wanli haben ihn zurückgetragen.«
    Ich habe auf der Stelle alles stehen und liegen lassen, habe mich von Herrn Lehrer Zhang, Jugendkomiteesekretär und Klassenlehrer in Personalunion, beurlauben und mir von der Mensa drei Pfund geschälten Reis, die Verpflegung für drei Tage, aushändigen lassen und bin sofort nach Hause geeilt. Als ich in Wanli ankam, war alles anders: Die Ulmen vor der Tür (in Xishui nennt man sie Ölbäume) hatten keine Rinde mehr, selbst die Wurzeln unten waren weg, übrig war eine zerzauste Grube. Der Teich lag trocken, wegen der Muscheln, erzählten die Nachbarn. Muscheln haben einen unangenehmen Geruch, die hat man früher nicht gegessen. Man hörte keine Hunde bellen, keine Hühner liefen herum, selbst die kleinen Kinder, die sonst hier fröhlich herumsprangen, blieben zu Hause und ließen sich nicht sehen. Wanli war ausgestorben.
    Ich betrat unser Haus, nichts als die vier Wände, nicht ein Korn Getreide, nicht das Geringste zu essen, in den Krügen war nicht einmal Wasser. Aber wenn man vor Hunger schon nicht mehr laufen kann, wo soll da die Kraft herkommen, Wasser zu schleppen!
    Vater lag auf dem Bett, die Augen matt und tief eingesunken, er hatte überhaupt kein Fleisch mehr im Gesicht, nur schlaffe, faltige Haut. Er wollte die Hand ausstrecken und mich begrüßen, tat es aber nicht, es war nur eine schwache Bewegung. Seine Hand war wie eines der Knochenpräparate, die ich im Anatomieunterricht gesehen hatte – auch wenn außen herum vertrocknete Haut war, so verdeckte sie doch nicht die Erhebungen und Vertiefungen des Skeletts! Wehmut und Erschütterung zogen mir jäh das Herz zusammen: Wie oft sagte man einfach so dahin, dass jemand »bis auf die Knochen abgemagert ist«, ohne zu wissen, welch ein Grauen und welch ein Horror das in Wirklichkeit war! Vater kaute irgendwelche Worte im Mund, es war sehr leise, er wollte, dass ich schleunigst hier verschwinde, zurück zur Schule.
    Vor zwei Monaten war es meinem Vater noch gut gegangen (in Wahrheit hatte er damals schon Schwellungen an den Beinen, aber ich wusste nicht, dass die vom Hunger kamen). Vater war in der Produktionsgenossenschaft für die Weidung des Viehs zuständig. Das Vieh, das war ein Wasserbüffel, ein nettes Tier und durch Vaters sorgfältige Pflege kräftig und sauber. Und auch wenn dieser kleine Wasserbüffel selbst nicht sprechen konnte, seine Augen konnten es: Sie waren zutraulich oder schwermütig, voller Sehnsucht oder zornig. Er konnte sich über die Augen mit meinem Vater verständigen und der verstand ihn auch ganz gut.
    Immer wenn ich von der Schule heimkam, wollte ich auf ihm die Berghänge entlangreiten. Vor zwei Monaten ließ mich mein Vater aus der Schule holen. Die Produktionsgenossenschaft hatte den Wasserbüffel heimlich geschlachtet und meiner Familie ein Pfund von dem Fleisch zugeteilt. Vater wusste, dass das Leben in der Schule kein Zuckerschlecken war, deshalb hat er mich holen lassen, damit ich etwas von dem Fleisch abbekam.
    Als ich zur Tür hineinkam, roch ich den verführerischen Duft von Fleisch. Vater aß nichts. Er sagte, er hätte sich mit dem Tier zu gut verstanden, er bekomme keinen Bissen herunter. Aber das war nur ein Vorwand, damit ich alles allein essen konnte. Ich habe mir den Mund vollgestopft und er hat dabeigesessen und zugesehen, seine Augen schimmerten gutmütig. Jetzt bereute ich es sehr, dass ich so voller Unverstand gewesen war. Wenn er das Fleisch gegessen hätte, wäre er jetzt nicht in so einem Zustand!
    Ich knetete Vaters Hände, griff mir eilig den Wasserbottich und die Tragestange und füllte die Krüge auf. Ich schulterte auch die Hacke, hängte den Bambuskorb daran und ging zu dem Feld, auf dem wir im vergangenen Jahr Erdnüsse angepflanzt hatten, um dort die Keimlinge auszugraben (die Erdnüsse, die wir im

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