Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Grablichter - Almstädt, E: Grablichter

Grablichter - Almstädt, E: Grablichter

Titel: Grablichter - Almstädt, E: Grablichter
Autoren: Eva Almstädt
Ads
Prolog
    I rgendetwas passiert heute – und zwar nichts Gutes, dachte Jan Dettendorf, als er aufwachte. Sein zweiter Gedanke war, dass er keine Vorahnung hatte, sondern einfach nur schlechte Laune. Er hasste es, wenn sich der Signalton von Lisannes Funkwecker schon vor dem Morgengrauen in seine Träume fraß.
    Am liebsten hätte er sich das nervtötende Teil geschnappt, um es in seiner Faust zu zerquetschen. Splitternder Kunststoff, der befriedigend schmerzhaft in die Innenfläche seiner Hand schneiden würde, während der Wecker seinen provokativen Piepton aushauchte …
    Doch Jan Dettendorf lag nur reglos da. Es fühlte sich so an, als wäre seine Daunendecke über Nacht mit Schlamm gefüllt worden. Acht Minuten Pause bis zum nächsten Alarm. Spätestens dann würde Lisanne aus dem Bett aufspringen, es sei denn … Hoffnungsvoll schob er eine Hand zu ihr hinüber. Seine Fingerspitzen ertasteten die warme Haut über ihrem Schlüsselbein. Er strich den Hals hoch zu ihrer Wange und fühlte das Haar, das über ihrem Gesicht lag.
    Das Bettzeug raschelte. »Wie spät ist es?«, hörte er sie mit klarer Stimme fragen.
    Er stöhnte. »Nicht einmal sechs. Es ist noch stockdunkel draußen.«
    Die Matratze knarrte, als Lisanne sich aufsetzte. »Hörst du es auch? Es scheint mal wieder stürmisch zu sein«, sagte sie.
    Die kahlen Zweige der Linde vor dem Haus scharrten anden Lamellen der Außenjalousien. Es knackte im Gebälk des Dachstuhls, und die Temperaturen im Schlafzimmer erinnerten Jan Dettendorf an den Eiskeller seiner Großmutter. Er hatte die Fenster seines Hauses immer noch nicht erneuern lassen. Es pfiff durch alle Ritzen. »Absalom hasst Sturm«, sagte er, ohne sich große Hoffnung zu machen, Lisanne damit von ihrem Trainingsplan abbringen zu können.
    Seit ein paar Wochen stand sie in aller Herrgottsfrühe auf, um noch vor der Arbeit mit ihrem Pferd trainieren zu können. Früher war sie abends geritten, doch seit der Umstellung auf die Winterzeit war es dann bereits zu dunkel. Deshalb hatte Lisanne beschlossen, ihr Training im Gelände in die frühen Morgenstunden zu verlegen, pünktlich zum Sonnenaufgang.
    Er hörte, wie Lisanne die Decke zurückschlug, und griff nach ihrem Handgelenk. »Lass das Reiten heute ausfallen. Bei dem schlechten Wetter!«
    »Was hast du denn auf einmal? Wir haben das alles doch schon ausgiebig besprochen.«
    Die Besprechung hatte so ausgesehen, dass sie ihm ihre Pläne dargelegt hatte, er seine Einwände äußern durfte und dann alles so geschehen war, wie sie es gewollt hatte.
    »Ich hatte einen blöden Traum … Er hatte mit dir zu tun, draußen im Wald …« Mit einem Mal erinnerte Dettendorf sich wieder. Und besser noch: Er wusste, dass Lisanne diese Art von Traum interessieren würde.
    »Ach ja? Was war denn da? Bist du deshalb besorgt? So kenne ich dich ja gar nicht.«
    »Bleib einfach hier. Ich finde …« Er zog sie wieder zu sich ins Bett. »… dass wir die Zeit auch besser nutzen können.«
    »Schweif nicht vom Thema ab. Was hast du denn nun geträumt?«, fragte sie.
    »Ich war im Wald, im Schwarzen Brook , dort, wo die Trainingsstrecke entlangführt, und da war ein Kopf, er … er hing in einem Baum … ein hässlicher kleiner Kopf. Er sah verbrannt aus. Es war … Ach, vergiss es.«
    Mit einem Mal fand er es peinlich, über den Albtraum zu sprechen, er kam sich geradezu kindisch vor. Durch den dünnen Stoff ihres T-Shirts konnte er Lisannes Körper fühlen. Er hörte, wie das Blut in seinen Adern rauschte, vergrub die Nase in ihrer Halsbeuge und sog ihren Geruch ein. Dann drehte er sich mit ihr herum, sodass er auf ihr lag. Sie ließ es geschehen, doch ihre nächste Frage folgte so zuverlässig wie die Weckintervalle ihres Weckers: »Was war das denn für ein Kopf?«
    »Keine Ahnung. Denk nicht mehr daran …«, flüsterte er ihr ins Ohr.
    »Wieso verbrannt?«, fragte sie weiter. Ihre Hand strich gedankenverloren seinen Rücken hinunter. »Ein Kopf ohne Körper oder ein Totenschädel? Vielleicht hast du von meinem neuen Artikel geträumt: Herzlos, kopflos, skrupellos. Habe ich ihn dir schon zu lesen gegeben?«
    »Oh, ich weiß nicht …« Wie konnte sie jetzt an ihre Arbeit denken!
    »Der Artikel wird frischen Wind hier ins Dorf bringen!« Ihre Hand, die am Ende des Rückens angekommen war, kniff kurz in seine Pobacke. Der Weckalarm ging erneut los. Sie befreite sich aus seiner Umarmung und schaltete den Wecker aus. »Verschieben wir alles Weitere auf später,

Weitere Kostenlose Bücher

Monica Cantieni
Monica Cantieni von Grünschnabel