Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Gott Braucht Dich Nicht

Gott Braucht Dich Nicht

Titel: Gott Braucht Dich Nicht
Autoren: Esther Maria Magnis
Ads
[zur Inhaltsübersicht]
    1. Teil
    Rot
    1
    Mir hat ein Dorn ins Bein geritzt. Er war vom Brombeerstrauch. Meinen silbernen Fahrradlenker mit den harten rosaroten Plastikgriffen, von denen ich Blasen bekam, als sie mir zu klein wurden, hatte ich sofort zum Straßenrand geschwenkt, als ich die drei roten Punkte im gelben Korn sah. Abgesprungen und das Rad ins Gras fallen gelassen vor dem kleinen Graben, über den ich springen musste. Ratsch machte es, und ein Dorn hatte mir einen roten Strich ins Bein gehauen, aus dem dünnes, helles Blut herauskam. Nur ganz wenig, so viel nur, dass es die Kerbe rot färbte und nicht überlaufen konnte, um am Bein hinunterzufließen.
    Egal. Weil da die Mohnblumen standen, nicht mehr weit von mir. Die wollte ich haben. Ein wenig konnte man den Wind hören, der Tag mit den Feldern döste in der Sonne, und die zarten Blätter flatterten, als ich die Blumen aus der Erde gerissen hatte und zwischen Hand und Lenker gequetscht mit nach Hause nahm. Ein Blatt ging verloren auf dem Weg, und kurz vor der Haustüre noch eins. Und dann, am Abend in der Vase, schliefen sie ein, und alle Blätter fielen auf den Tisch. Ich versuchte das immer wieder als Kind. Immer wieder pflückte ich den Mohn und war immer wieder leicht enttäuscht, dass er nicht in unserer Küche so rot blühen wollte.
    Hinter meinen Augen, wenn ich sie schloss, war es rot und dunkel. Von da konnte man in den Schlaf hineinsinken. Es war dunkel, nicht wirklich gefährlich, ich kannte es und fand es beruhigend. Nur wenn jemand das Licht anmachte oder ich versuchte, am Strand zu schlafen, dann war es mir manchmal zu grell, ansonsten mochte ich das Rot hinter den geschlossenen Lidern.
    Auf meinem Tier- und Naturkalender entdeckte ich in giftgrünen Blättern einen roten Frosch. Ich konnte nicht glauben, dass er echt war. Ich fragte Mama, und sie sagte ja. Es gäbe tolle Farben in der Natur, und sie las mir vor, was da hinten auf dem Kalenderblatt stand, und erzählte mir von den Krebsen in Afrika, die in roten Panzerkolonien über die Straßen wanderten, als sie meinen Vater kennenlernte.
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass es große rote Dinge in der Natur gibt. Blutbäder, wenn Wale im Wasser mit weißen Bäuchen oben schwimmen, aber das will ich nicht Natur nennen. Es ist aber wohl doch vielleicht Natur, ich weiß es nicht. Kommt drauf an, wie man den Menschen sieht mit dem, was er tut.

    Wir hatten zuerst die Welpen gestreichelt, mein kleiner Bruder und ich. Die Eltern unserer Babysitterin hatten einen Bauernhof, und in dem unbenutzten, grün gekachelten Badezimmer hatte der Hund vor drei Wochen geworfen. Seit wir Kinder davon wussten, bettelten wir jeden Tag, die Hundebabys sehen zu dürfen.
    Es stank in dem kleinen Badezimmer, ich stieß meinen Kopf an dem Waschbecken, überall krochen die Tiere rum, und ich fragte, ob ich eins mitnehmen dürfe, aber das wurde irgendwie übergangen. Zuerst Mama und Papa fragen, oder so ähnlich hieß es.
    In der Küche direkt neben dem Bad saßen ältere Menschen auf der Eckbank. Ein großer gelber Aschenbecher auf dem Tisch, wie aus einer Kneipe. Die Küche war verqualmt. Sie lachten, als unser Kindermädchen mit uns vorbeikam. «Die stehen dir, die Kinder», sagte ein alter Opa.
    «Hör auf, Papa», sagte das Mädchen, und ich wunderte mich, wie ihr Vater schon so zahnlos sein konnte. Ich war vier Jahre alt, und irgendwie mochte ich die ostwestfälischen Bauern, trotz des Grusels vor ihren riesigen, trockenen, roten Händen, mit denen sie einem bei der Begrüßung immer die Finger zerquetschten.
    Ich hatte diesen Tick, mich räuspern zu müssen, wenn sie Plattdeutsch sprachen, weil das gerollte «R» für mich so klang, als wär der Hals verschleimt.
    «Wir seh’n uns jetzt noch die Ferkels an, dann bring ich sie wieder nach Hause», sagte unser dickes Kindermädchen.
    «Das macht man», sagte einer von denen auf der Bank.
    Die Ferkel waren in einer Box direkt hinter der Küche. Es war ein dunkler Durchgangsraum, und die eine Wand war so mit Brettern vernagelt, dass man zuerst nur ein kleines, hohes Grunzen hörte und leichte Stöße gegen Holz und Stroh, das über Stein ratscht. Nur die rote Lampe in der Box gab Licht, und da sah man dann die kleinen Schnauzen, die sich durch die Bretterspalten drückten.
    Johannes war an meiner Hand. Die Babysitterin ging mit uns ganz dicht an die Bretter heran, und ich sah durch einen Spalt.
    Mit dem roten Licht fühlten sich meine Augen zu heiß an, um

Weitere Kostenlose Bücher

Symphonie des Lebens
Symphonie des Lebens von Heinz G. Konsalik
Radikal
Radikal von Yassin Musharbash
Sophie Scholl
Sophie Scholl von Barbara Beuys