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Gorian 1: Das Vermächtnis der Klingen

Gorian 1: Das Vermächtnis der Klingen

Titel: Gorian 1: Das Vermächtnis der Klingen
Autoren: Alfred Bekker
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1
     
    Zeichen
     
    Es hieß, dass in jener Nacht, als Gorian geboren wurde, ein glühender eisenhaltiger Stein vom Himmel fiel und unweit des Dorfes Twixlum nahe der Bucht von Thisilien niederging. Und es hieß auch, dass Nhorich, sein Vater, noch in derselben Nacht, kaum dass man den ersten Schrei des Jungen gehört hatte, aufbrach, um den Stein zu suchen und sein Eisen zu bergen.
    Aus diesem Eisen schmiedete Nhorich zwei Schwerter …
    Später sollte man in all diesen Begebenheiten Zeichen des Schicksals erkennen.
    Zeichen des Bösen.
    Zeichen des Guten.
    Zeichen der Verzweiflung.
    Zeichen der Hoffnung.
    Und Zeichen einer nahenden, tief greifenden Veränderung, die alles erfassen würde. Nicht ein einziges Staubkorn sollte davon unberührt bleiben.
    Nichts würde sein, wie es war …
     
    Das Erste, woran sich Gorian später erinnerte, war die helle Sonne am blassblauen Himmel und der dunkle Schatten, der einen Teil dieser grell leuchtenden Scheibe verdeckte. Er sah aus wie ein schwarzer Fleck, und Gorian hatte von Anfang an das Gefühl, dass er nicht dorthin gehörte.
    Er war zwei Jahre alt, lag in einem schaukelnden Boot, hatte geschlafen, und als er erwachte, sah er diesen überwältigend blauen Himmel über sich – und die Sonne.
    Und jenen dunklen Fleck, von dem er damals noch nicht wusste, dass man ihn den Schattenbringer nannte und dass er aus der Welt langsam, aber sicher einen kalten, toten Ort machen würde.
    Gorian drehte den Kopf, und er sah seinen Vater an der Pinne der kleinen Segelbarkasse. Ein breitschultriger Mann mit warmen graugrünen Augen und dunklem Bart. »Wir sind gleich da, mein Junge«, sagte er.
    Gorian setzte sich auf. Er konnte gerade über den Rand der Barkasse sehen. Da waren ein Ufer, Häuser, ein Hafen.
    Als Gorian wieder zu seinem Vater blickte, sah er, dass sich dessen Gesichtsausdruck vollkommen verändert hatte. Eine tiefe Furche reichte von der Nasenwurzel bis zum Haaransatz, und die dichten Augenbrauen hatte er zusammengezogen. Ein Ausdruck, den Gorian im ersten Moment nicht zu deuten vermochte. Aber er spürte, dass etwas nicht so war, wie es sein sollte.
    Sein Vater lockerte das Segel. Es flatterte, das Boot drehte sich mit der Spitze in Windrichtung und verlor augenblicklich jegliche Fahrt.
    »Bleib ganz ruhig!«, gebot er – auf eine Weise, die Gorian klarmachte, dass es das Beste war, genau zu tun, was man ihm sagte. Denn Gorian hörte die Stimme seines Vaters auf ganz besondere Art: Die Worte drangen auf eine fast bedrängende Weise in seine Gedanken, und Gorian spürte die unheimliche Kraft, die in ihnen wirkte. Eine Kraft, die er nicht erklären, nicht begreifen, ja, noch nicht einmal mit Worten bezeichnen konnte. Er spürte sie einfach – und es fühlte sich wie etwas Bekanntes, Vertrautes an.
    Mit einer schnellen Bewegung griff sein Vater nach dem Schwert, das er am Gürtel trug. Die Klinge blitzte im Sonnenlicht. Sie wirbelte so schnell durch die Luft, dass man sie kaum zu sehen vermochte.
    Sie zuckte auf Gorians Kopf zu, sauste haarscharf an ihm vorbei und drang in den Schädel eines riesigen geflügelten Fisches. Urplötzlich war die Bestie aus der Tiefe emporgeschossen, war aus dem Wasser gestiegen, hatte die Flügel ausgebreitet und sie so schnell bewegt, dass sie kaum noch sichtbar waren. Ein geflügelter Fisch konnte in der Luft stehen, während er sich mit seinem gewaltigen Maul die Beute einverleibte.
    Aber nicht dieses Mal.
    Während das Schwert der Bestie in den Kopf fuhr, hörte Gorian den Schrei seines Vaters, der ihm durch Mark und Bein fuhr. In diesem Schrei war noch viel mehr zu spüren von jener unheimlichen Kraft, über die sein Vater zu gebieten schien.
    Der geflügelte Fisch stieß einen ächzenden Laut aus, während das Schwert, dessen Griff Nhorich mit beiden Händen hielt, zu glühen begann. Fischblut spritzte aus dem Körper der aufbrüllenden Kreatur. Es war bläulich und zischte, wo immer es auf die Planken des Bootes traf, und auch Gorian bekam etwas davon ab.
    Aber er konnte nicht schreien. Er öffnete zwar den Mund, aber nicht ein einziger Laut kam ihm über die Lippen.
    Die Bestie sank ins Wasser. Blasen stiegen auf, die Wellen färbten sich blau, und das Boot schwankte entsetzlich.
    Gorian sah seinen Vater an, in dessen Augen nichts Weißes mehr zu sehen war; sie waren vollkommen von einer undurchdringlichen Schwärze erfüllt. Breitbeinig stand er da und glich so die Schwankungen der Barkasse aus, die führerlos dahintrieb. Sie

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