Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Goldener Sonntag

Goldener Sonntag

Titel: Goldener Sonntag
Autoren: Garth Nix
Ads
KAPITEL EINS

    A rthur fiel.
    Die Luft brauste an ihm vorbei, brannte ihm in den Augen und zerrte an seinen Haaren und Kleidern. Er war schon durch das Loch gefallen, das Samstags Sturmbock gemacht hatte, vorbei an den peitschenden Wurzeln und Ranken der Unterseite der Unvergleichlichen Gärten. Jetzt stürzte er durch die Wolken, und ein kleiner Teil von ihm wusste, dass er, wenn er nicht bald etwas unternahm, in Samstags Turm krachen und sich aller Wahrscheinlichkeit nach so schlimm verletzen würde, dass er selbst mit seinem frisch umgebildeten Bürgerkörper sterben würde – oder sich wünschen würde, tot zu sein.
    Aber Arthur unternahm nichts, zumindest nicht in diesen ersten, lebenswichtigen Sekunden. Er wusste, es war eine Illusion, aber es fühlte sich an, als hielte der Wind ihn oben, statt an ihm vorbeizurauschen. Mit der linken Hand umklammerte er den kleinen Spiegel, welcher der Fünfte Schlüssel war, mit der rechten umkrampfte er den Federkiel, welcher der Sechste Schlüssel war und den er Samstag entwunden und mit sich über den Rand genommen hatte. Deshalb fühlte Arthur sich mächtig, siegreich und überhaupt nicht ängstlich.
    Er sah hinab auf den Turm unter sich und lachte – ein tiefes, sarkastisches Lachen, das ganz und gar nicht seinem normalen Lachen ähnelte. Er wollte gerade wieder lachen, als ihn Teil Sechs des Vermächtnisses in seiner Rabengestalt einholte, die Krallen in seinem Haar vergrub und in seine Kopfhaut schlug.
    »Flügel!«, krächzte der Rabe eindringlich. Eine Sekunde lang hielt er sich an Arthurs Kopf fest, dann verlor er den Halt und wurde davongerissen und schrie »Flieg! Flieg!«, während er verzweifelt versuchte, den Abstand zwischen sich und Arthur wieder zu verringern.
    Sofort verflüchtigte sich das euphorische Gefühl, unbesiegbar zu sein, und Arthur kam wieder zu Sinnen. Zum ersten Mal wurde er sich der Schnelligkeit seines Falls bewusst, und er stellte fest, dass er sehr, sehr bald auf dem Turm aufschlagen würde.
    Das ist alles falsch!, dachte er. Wo sind meine Flügel?!
    Er durchsuchte hektisch seinen Mantel und erinnerte sich im selben Moment daran, dass seine Schmieraffenflügel immer noch in dem Regenmantel steckten, den er für seine momentane Verkleidung als Zauberkundiger Zaungast eingetauscht hatte – die Verkleidung, die er benutzt hatte, um sich erfolgreich in den Sturmbock einzuschmuggeln … Zu erfolgreich vielleicht, denn er war mit dem Sturmbock in die Unvergleichlichen Gärten durchgebrochen. Zwar war er anschließend nahe genug an Samstag herangekommen, um den Sechsten Schlüssel zu beanspruchen, im Zuge dessen aber in das Loch in der Decke des Oberen Hauses gestürzt.
    Und jetzt fiel er eine sehr, sehr lange Strecke nach unten.
    Selbst in Anbetracht der großen Höhe war Arthur viel schneller gefallen, als er es für möglich gehalten hätte. Er würde die eigentliche Turmspitze verfehlen, erkannte er, und in den Hauptteil krachen, ungefähr fünfzehn Stockwerke darunter.
    Keine Flügel, dachte Arthur. Keine Flügel!
    Er geriet in Panik, sein Verstand setzte aus, und er konnte nur noch auf den Turm starren, während ihm die Tränen in Strömen übers Gesicht liefen, weil der Wind so schnell vorbeizischte. Er ertappte sich dabei, mit den Armen wie mit Flügeln zu schlagen – als ob ihm das irgendwie helfen könnte! Er schrie und schrie, und dann …
    … krachte er in einen fliegenden Internen Revisor, der ebenfalls schrie. Zusammen trudelten sie durch die Luft, und der Bürger schlug wie wild mit seinen Flügeln. Arthur versuchte, sie ihm abzureißen, bekam sie jedoch nicht richtig zu fassen, denn er wollte den Fünften und den Sechsten Schlüssel nicht loslassen. Er versuchte, den Sechsten Schlüssel zum Fünften in die linke Hand zu nehmen, doch da strampelte sich der Bürger frei und tauchte mit angelegten Schwingen im Sturzflug ab.
    Wieder fiel Arthur, aber der Zusammenstoß hatte die Fallgeschwindigkeit gedrosselt. Es blieben ihm nur noch wenige Sekunden, um zu handeln, und endlich schaltete sein Gehirn von hämischer Freude über den Sechsten Schlüssel und panischen Aussetzern wieder auf Problemlösen um. Er wusste, der Zusammenstoß mit dem Turm war unvermeidbar – es sei denn, er käme gar nicht wirklich dort an …
    Etwa dreißig Meter vor dem Aufprall vollführte Arthur einen Salto und spannte seinen Körper wie zu einem vorwärtsgestreckten Kopfsprung. Im Flug zeichnete er mit dem Sechsten Schlüssel mehrere Stufen in die Luft.

Weitere Kostenlose Bücher

Der dunkle Schirm
Der dunkle Schirm von Philip K. Dick
Grand Passion
Grand Passion von Jayne Ann Krentz
Kleine freie Männer
Kleine freie Männer von Terry Pratchett