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Gnadenthal

Gnadenthal

Titel: Gnadenthal
Autoren: Hiltrud Leenders , Michael Bay , Artur Leenders
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Eins
    Es war ein trister Sommer für ihn gewesen, überschattet vom unwürdigen Hin und Her um Unterhaltszahlungen und Versorgungsausgleich, vom übereilten Umzug in eine neue Wohnung, in der nichts stimmte. Und als andere, immer noch süß nach Sonnenöl duftend, die letzten Sandkörner aus ihren Reisetaschen rieseln ließen, hatte er mitten im Schulbuchgeschäft gesteckt. Die Heimsuchung eines jeden Buchhändlers, eine ärgerliche Plackerei, alles andere als lukrativ, aber notwendig, wenn man konkurrenzfähig bleiben wollte.
    Martin Haferkamp streckte sich und drückte kurz die Faust ins Kreuz. Er war einfach müde. Bald wurden die Tage wieder kürzer, dann war es kaum hell geworden, wenn er morgens die Buchhandlung aufschloss, und schon finster, wenn er abends nach Hause ging. Er seufzte und beugte sich über den großen Karton, in dem er den Papierkram der letzten Wochen und alles mögliche andere abgelegt hatte, das ihm im Weg gewesen war. Endlich ging es wieder ruhiger zu im Laden – der Kundenstrom floss nicht allzu üppig, aber doch so beständig, dass er sich keine Sorgen machen musste –, und er konnte sich die Zeit nehmen, wieder Grund ins Geschäft zu bringen. Als die Türklingel ertönte, kümmerte er sich nicht weiter darum, denn Frau Moor war unten im Laden. In der Regel kam sie zurecht, und die Laufkundschaft mochte sie.
    Er stutzte. Aus einem Stapel Steuerformulare leuchtete ihm etwas grell Orangefarbenes entgegen. Mit spitzen Fingern zog er eine Girlande aus böse grinsenden Pappkürbissen heraus und warf sie in die Abfallkiste. Frau Moors letztjährige Idee für eine herbstliche Fensterdekoration. Halloween, der 31. Oktober – wie der Muttertag irgendwann von Amerika herübergeschwappt und vom Handel gierig aufgenommen. Wie lange mochte es noch dauern, bis man diesen Rummel hier als heimischen Brauch ansah? Gehirnwäsche war im Grunde eine einfache Geschichte.
    Er konnte sich erinnern, dass er getobt hatte, als die Moor mit dem Kram angekommen war, und er war eigentlich sicher gewesen, dass jeder Plastikkürbis, jede Gummispinne und jedes Glitzergedärm im Müll gelandet waren. Auf die Schnelle hatte er dann ein paar Körbe bunter Herbstblätter, Walnüsse und Kastanien organisiert, Martinslaternen aufgehängt und passend dazu einige konventionelle Titel dekoriert, leichte Kost eben.
    In diesem Jahr, beschloss er, würde er die Dekoration gleich selbst übernehmen. Am 31. Oktober war Reformationstag, und er würde irgendwo eine massive, verwitterte Holztür besorgen und eigenhändig Luthers 95 Thesen anschlagen, mit geschmiedeten Nägeln.
    Die Sprechanlage summte, anscheinend brauchte Frau Moor seine Hilfe. Er seufzte wieder, rückte den Hemdkragen zurecht und trat auf die Galerie hinaus. Unten am Kassentisch wartete Hansjörg Möller.
    «Grüß dich!» Haferkamp lief die Treppe hinunter.
    Möller sah ihm kühl entgegen. «Hast du was von Frieder gehört?», fragte er näselnd. Wie immer sprach er so leise, dass man sich anstrengen musste, ihn zu verstehen.
    Haferkamp spürte altvertrauten Ärger in sich aufsteigen. «Nein», antwortete er und lehnte sich gegen den Tresen.
    Möller kniff die Lippen zusammen. «Ich versteh das nicht. Wir wollten spätestens am ersten September mit den Proben anfangen, das war ganz klar so abgesprochen. Jetzt haben wir schon den achten, und Frieder ist nicht aufzufinden. In der Agentur sagen die mir, er wär nicht da, und sein Handy ist auch abgeschaltet.»
    «Ich weiß.»
    «Ich finde, das geht einfach nicht. Wir kriegen das Ding doch nie mehr rechtzeitig auf die Beine gestellt. Wir haben ja nicht einmal Texte!» Möller schaffte es, besorgt und gleichzeitig herrisch zu klingen.
    «Natürlich haben wir Texte», entgegnete Haferkamp ruhig. «Ich habe reichlich Material, und soweit ich weiß, waren Kai und Dagmar auch nicht faul. Wenn wir wollten, könnten wir sofort anfangen zu proben.»
    Möller riss die Augen auf. «Ohne Frieder? Das meinst du nicht ernst.»
    Haferkamp zuckte die Achseln, aber Möller achtete nicht darauf. «Ich kapier’s einfach nicht. Die Termine für die Auftritte stehen fest, der WDR schneidet die Veranstaltung live mit, sogar einen Sendetermin gibt es schon.»
    Frau Moor, die die ganze Zeit in ihrer Nähe beschäftigt gewesen war, schnappte nach Luft. «Sie kommen ins Fernsehen? Mit Ihrer Kabarettgruppe?»
    Möller brachte ein halbes Lächeln zustande. «Zum Jubiläum, ja, dreißig Jahre ‹Wilde 13›.»
    Haferkamp bedachte seine

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