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Glenraven

Glenraven

Titel: Glenraven
Autoren: Marion Zimmer Bradley
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KAPITEL EINS
     
    Jayjay Bennington wollte nicht mehr über die Katastrophe nachdenken, die aus ihrem Leben geworden war. Sie zog die breite Krempe ihres Regenhutes tiefer ins Gesicht, aber es half nichts. Das Wasser tropfte ihr immer noch in den Mantel und lief den Rücken hinunter. Zu allem Überfluß war das Wasser auch noch eiskalt. Der Sommersturm, der die gesamte Ostküste überzog, mochte ja vielleicht tropischen Ursprungs gewesen sein, aber der Regen, den er über Jayjay ausgoß, war alles andere als warm.
    Ich muß hier weg. Irgendwohin, wo mich niemand kennt, wo mich niemand findet. Irgendwohin, wo ich erhobenen Hauptes leben kann - und das sehr schnell, bevor die Neuigkeiten sich verbreitet haben. Eine Million Meilen wäre nicht zu weit. Schade nur, daß es auf dem ganzen Planeten keinen Ort gibt, der eine Million Meilen von diesem Rattenloch entfernt ist.
    Jayjay platschte über die McDuffie Street wie eine Besessene. Sie lief schon seit Stunden so umher… oder genauer: seit acht Uhr. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich ihre Diskussion mit Steven zu einem einzigen Gekreische entwickelt. Stühle flogen, Beleidigungen wurden ausgetauscht, und Türen knallten. Es war ein Fiasko. Sie hatte immer damit gerechnet, daß ihr Leben mit 35 wenigstens den Anschein von Ordnung erwecken würde, aber es war wieder einmal anders gekommen als erwartet. Das Leben hatte ihr erneut mitten ins Gesicht geschlagen.
    Sieh immer nach vorne, sagte sie sich. Wenn das Leben dich in den Dreck wirft, dann steh auf und sieh nach vorne.
    Sie hatte den ganzen Bürgersteig für sich allein. Das ekelhafte Wetter veranlaßte vernünftigere, glücklichere Menschen dazu, in den Geschäften oder ihren Autos zu bleiben; aber Jayjay war nicht nach Vernunft zumute.
    Niemand hat von mir verlangt, daß ich auf ewig in Peters bleiben soll. Ich muß hier weg. Ich muß raus aus dieser Stadt… weg von Steven und seinen Freunden. Sie werden sowieso glauben, daß alles meine Schuld ist.
    Eine Straße weiter zischten Räder über den feuchten Asphalt. Kurz darauf hörte Jayjay, wie das Auto durch eine tiefe Pfütze fuhr. Sie war dankbar, daß der Wagen in diesem Augenblick nicht an ihr vorbeigekommen war. Die Glocken von St. Dora schlugen Mittag. Irgend jemand rief seinem Nachbarn Grüße zu. Der dämpfende Effekt der tiefhängenden Wolken machte es zwar unmöglich, die genauen Worte zu verstehen, aber der freundliche Ton war deutlich zu erkennen. Verdammt noch mal! Selbst im Regen, wenn man einsam und allein war, machte diese Stadt einen freundlichen Eindruck. Sie war einladend, irgendwie heimelig… aber nicht mehr lange. Das war schließlich seine Stadt und nicht ihre.
    Entlang der McDuffie Street befanden sich das Gerichtsgebäude und die Zeitung (The Peters Tribüne - Nachrichten seit 1824) . Die Straße führte an Cato’s und Jenny Shee’s Änderungsschneiderei vorbei. Ein Stück weiter lagen der Sag-Niemals-Lebwohl Secondhandladen, Hair-Fantastic und Sandra’s Imbiß. Die Lichter, die in den Geschäften der Innenstadt leuchteten, warfen Flecken künstlichen Sonnenscheins auf die rauhen Bürgersteige. Das Innere der Läden lockte mit seiner Wärme auf eine Art und Weise, wie es an sonnigen Tagen wohl kaum möglich gewesen wäre. Sie versprachen einen trockenen und gemütlichen Hafen vor dem trostlosen, nicht enden wollenden Regen.
    Jayjay hatte eigentlich nicht die Absicht, einen Laden zu betreten, aber als sie an Amos W. Baldwell’s Buchhandlung vorbeiging, blieb sie zuerst stehen und öffnete schließlich die gläserne Eingangstür. Einen Moment lang zögerte sie, und plötzlich fiel ihr das Atmen schwer.
    Ich möchte nicht hier hineingehen. Ich möchte nicht, daß mich irgend jemand sieht, der mich kennt.
    Sie nahm an, daß ihre Augen immer noch vom Weinen gerötet waren. Vielleicht würde man sie fragen, was los sei… und sie wäre zu keiner Antwort fähig, und wenn sie schwieg, würden sie das Schlimmste annehmen. Natürlich würden sie das - aber das Schlimmste, was sie sich vorstellen konnten, wäre nicht schlimmer als die Wahrheit.
    Sie wurde von irgend etwas angezogen. Vielleicht war es so etwas wie Hoffnung. Nein, wahrscheinlich hatte sie ihren Anteil schon längst verbraucht. Aber irgendwas hatte nach ihr gerufen; allerdings nicht mit etwas so Aufdringlichem wie Worten. Sie fühlte, wie ihr Puls sich beschleunigte, und ihr Bauch begann zu kribbeln. Es verschlug ihr den Atem. Irgend etwas… irgend etwas hier drinnen hatte ihren Namen

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