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Glencoe - Historischer Roman

Titel: Glencoe - Historischer Roman
Autoren: Charlotte Lyne
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Prolog
    Der Mann aus Glencoe
    Glenlyon in Lochaber, Oktober 1678
    Glenlyon, so erzählten sich die Alten an den Feuern, war das schönste der Täler in Lochaber. Für Sarah aber, die in sechs Jahren hier nicht hatte heimisch werden können, blieb es das fremde Tal. Sie würde nie eine aus Glenlyon sein.
    Sie sah den Männern zu. Hinter der Wurfbahn drängten sich die Bewohner des Tales und Gäste, die zum Leichenbegängnis der Großmutter gekommen waren, so dicht, dass Sarah keinen Zipfel hätte sehen können. Aber Sarah sah alles. Schon immer. Sie war nicht groß und hatte kein Fleisch auf den Knochen, weshalb ihre Tante über sie zeterte: »Die Sarah ist ein komischer Vogel. Mit den besten Bissen kannst du die füttern, die bleibt dürr wie ein Ginsterzweig.« Doch was für ein Ärgernis Sarahs Leichtgewicht auch für andere darstellen mochte, ihr selbst war es nicht ohne Nutzen: Keine, nur sie, hätte gewagt, in die Rotbuche zu klettern und an altersmorschen Ästen zu hangeln, bis sie alles überblickte.
    Es war längst Herbst. Aus den bewaldeten Kuppen der Hügel ragte das Schwarzgrün der Tannen aus Tupfen von Lehmgelb, Erdbraun und Rot. Die Buchenzweige leerten sich so geschwind wie die Schüsseln mit Grütze, die die Tante den Basen hinstellte. Man hätte Sarah leicht finden können, aber niemand achtete auf sie. Ihre Großmutter, die alte Jean Campbell, hatte drei Gatten überlebt und sechzehn Kinder geboren, und alle hatten ihrerseits Kinder, die Jean zu sich holte, wenn diese verwaisten. So kam es, dass es im Tal von Jungvolk wimmelte und eine struppige Sechzehnjährige keinem Menschen wichtig war.
    Das war nicht so übel. Wer keinem wichtig war, durfte ungestraft in Bäume klettern. Nur einmal in den sechs Jahren, die sie seit dem Tod ihrer Mutter hier lebte, war Sarah geschlagen worden, und da sie die Striemen jener Schläge noch immer als dickliche Würmer auf den Schenkeln spürte, verzichtete sie gern auf Wiederholung. Dennoch wäre es zuweilen schön gewesen, wichtig zu sein. In der Nacht, sooft der Tod um die Häuser schlich, bekam Sarah Angst, weil sie wusste: Wenn er mich holt und ich morgen fehle, fällt es niemandem auf.
    Auch jetzt hätte sie gern im Gedränge einen Menschen entdeckt, der ihr Fehlen bemerkte, aber den gab es von nun an weniger denn je. Die Großmutter, die sie zumindest beim Namen gerufen und ihr erklärt hatte, wie es war, wenn eine heiraten musste, die Großmutter, die vor ihr über die Familie gelästert und des Nachts an ihrer Seite geschnarcht hatte, sie lebte nicht mehr.
    Die alte Jean war weit über Glenlyon hinaus eine Berühmtheit gewesen. Ihr Leichenfest währte bereits drei Tage, und die Menschen von nah und fern prassten, tanzten und wetteiferten zu ihrer Ehre. Am heutigen dritten Tag, dem Höhepunkt, maßen die Männer des Tales ihre Kräfte mit den Gästen im Weitwurf. Aller Augen waren auf die Linie aus Steinen gerichtet, die den Beginn der Wurfbahn markierte. Daneben lag ein Stapel gespitzter Fichtenstämme, ein jeder dick wie eines Mannes Schenkel. Ein Kerl brauchte die Stirn und Stärke eines Bullen, um einen solchen Stamm zu schleudern. Mithin hatte sich nur eine Handvoll Bewerber eingefunden, obgleich ein Goldpreis winkte, das Ersparte der Verstorbenen.
    Sarah entdeckte eine Ansammlung lediger Mädchen, die vorne einen Platz ergattert hatten. »Rob Glenlyon«, kreischte die dralle Fiona, »der Stärkste von allen und der Schönste!«
    Tänzelnd setzte der Mann mit dem korngelben Haar einen Schritt, bis seine Stiefelspitze an einen Stein der Linie tippte. Sarah zwang sich, ruhig zu bleiben. Das neue Kleid aus in Hastgesponnener Wolle kratzte, doch sie durfte nicht zappeln, wenn sie nicht abrutschen und sich sämtliche Knochen brechen wollte. Ihr Onkel Rob, der sich sonst gern nach Art der Engländer, der Sassenachs, in Kniehosen und Samtröcke kleidete, trug heute das Gewand seines Volkes: die zwei Teile des Feiliadh , das über die Schulter geworfene Plaid, das seine Brust breiter machte, und den Kilt, der die Waden blank ließ. Er löste das Plaid, legte es sorgsam zusammen und entblößte ein zartweißes Hemd, durch das die Haut rosig schimmerte. Verzücktes Raunen vereinte sich aus fünfzig Frauenkehlen.
    Als er den Kopf in den Nacken legte, rann ihm das Haar in Wellen auf den Rücken. »Ein Campbell war der Erste im Bett meiner Mutter!«, rief er. »Also soll ein Campbell den ersten Wurf an ihrer Bahre haben!«
    Applaus brandete auf. Er kostete ihn

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