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Gilbert, Elizabeth

Gilbert, Elizabeth

Titel: Gilbert, Elizabeth
Autoren: Love Pray Eat
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vegetarisch ernährt,
aber bei Speck eine Ausnahme macht... Im Geiste verfasste ich schon einen Brief
an Penthouse:
    Im flackernden Kerzenschein des römischen Cafes war es
unmöglich zu sagen, wessen Hände mich gerade streich...
    Aber nein.
    Nein und nochmals nein.
    Mitten im Wort brach ich meine Fantasie ab. Für mich war
jetzt nicht der Moment, nach Liebe Ausschau zu halten und so (wie der Tag auf
die Nacht folgt) mein ohnehin schon verfahrenes Leben noch weiter zu
verkomplizieren. Für mich war jetzt die Zeit, nach der Heilung und dem Frieden
zu suchen, den man nur in der Einsamkeit findet.
    Inzwischen, Mitte November, sind der schüchterne, fleißige
Giovanni und ich gute Freunde geworden. Dario - dem lässigeren Bruder, der eher
mal auf den Putz haut - habe ich meine bezaubernde kleine schwedische Freundin
Sofie vorgestellt, und wie die beiden ihre römischen Abende miteinander
verbringen, das ist ein Tandem-Austausch ganz anderer Art. Aber Giovanni und
ich, wir reden nur. Na ja, wir essen und wir reden. Wir essen und reden jetzt
schon seit mehreren netten Wochen, teilen uns Pizzas und beglücken uns mit
sanften Grammatikkorrekturen, und der heutige Abend war keine Ausnahme. Ein
schöner Abend mit neuen Redewendungen und frischem Mozzarella.
    Nun ist es Mitternacht und neblig, und Giovanni begleitet
mich durch die römischen Gassen, die organisch - wie sich Wasserläufe um dunkle
Zypressenhaine schlängeln - um uralte Gebäude mäandern. Jetzt sind wir vor
meiner Tür angelangt. Wir stehen uns gegenüber. Er umarmt mich herzlich.
Schon besser; in den ersten paar Wochen wollte er mir nur die Hand schütteln.
Wenn ich noch weitere drei Jahre in Italien bliebe, denke ich mir, brächte er
eines Tages noch den Mumm auf, mich zu küssen. Andererseits könnte er mich auch
einfach jetzt gleich, heute Nacht, direkt hier vor meiner Tür küssen ... Es
ist immer noch möglich ... Ich meine, schließlich stehen wir ja immer noch
aneinander geschmiegt im Mondschein ... Und natürlich wäre es ein schrecklicher Fehler ... Aber es wäre so schön ... Und es besteht ja immer noch die
wunderbare Möglichkeit, dass er es tatsächlich jetzt gleich tut ... Vielleicht
beugt er sich ja zu mir herunter ... und ... und ... Nein.
    Er löst sich aus der Umarmung.
    »Gute Nacht, meine liebe Liz«, sagt er.
    »Buona sera, caro mio«, erwidere
ich.
    Ganz allein erklimme ich die Stufen zu meiner Wohnung im
vierten Stock. Ganz allein schließe ich die Tür zu meiner winzig kleinen
Einzimmerwohnung auf. Ziehe die Tür hinter mir zu. Wieder einmal gehe ich in
Rom früh zu Bett. Wieder einmal liegt eine lange geruhsame Nacht vor mir und
nichts im Bett außer einem Stapel italienischer Sprachführer und Wörterbücher.
    Ich bin allein, total allein, mutterseelenallein.
    Als mir das klar wird, lasse ich meine Tasche los, sinke
auf die Knie, drücke meine Stirn auf den Boden und richte ein inbrünstiges
Dankgebet ans Universum.
    Erst auf Englisch.
    Dann auf Italienisch.
    Und dann - um mein Anliegen auch wirklich rüberzubringen -
auf Sanskrit.
     
    2
     
    Und da ich mich nun schon in Bittstellung am Boden befinde,
lassen Sie mich kurz in dieser Position verharren, während ich drei Jahre
zurückgehe, bis zu dem Augenblick, als diese ganze Geschichte begann - einem
Augenblick, in dem Sie mich in exakt der gleichen Haltung angetroffen hätten:
auf den Knien, auf dem Fußboden, betend.
    Alles andere an der drei Jahre zurückliegenden Szene war
jedoch anders. Damals befand ich mich nicht in Rom, sondern im Bad des großen
Hauses in einem Vorort von New York, das mein Mann und ich kurz zuvor gekauft
hatten. Es war ein kalter Novembermorgen gegen drei Uhr früh. Mein Mann lag
schlafend in unserem Bett. Ich versteckte mich wohl die siebenundvierzigste
Nacht in Folge im Bad und schluchzte - wie all die Nächte zuvor. Ja, ich
schluchzte so sehr, dass sich ein großer See aus Tränen und Rotz vor mir auf
den Badezimmerfliesen ausbreitete, ein veritabler Bodensee all meiner Scham,
Angst, Verwirrung und Trauer.
    Ich will nicht mehr verheiratet sein.
    Sosehr ich sie auch zu ignorieren versuchte, die Wahrheit
drängte sich mir immer wieder auf.
    Ich will nicht mehr verheiratet sein. Ich will nicht in
diesem großen Haus leben. Ich will keine Kinder kriegen.
    Aber genau das sollte ich mir wünschen. Ich war einunddreißig
Jahre alt. Mein Mann und ich - die wir schon acht Jahre zusammen und seit sechs
Jahren verheiratet waren - hatten unser ganzes Leben um die

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