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Gibraltar

Gibraltar

Titel: Gibraltar
Autoren: Sascha Reh
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Bankensterben
    Der Crash des Bankhauses Alberts trifft seinen Gesellschafter tödlich. Wurde er von seinem engsten Vertrauten verraten?
    VON HELMUT GUDVANG
    Es ist eine doppelte Tragödie. Wenn an diesem Samstag der alleinhaftende Gesellschafter der Berliner Privatbank Alberts & Co., Johann Alberts, zu Grabe getragen wird, geht zugleich eine über 150-jährige Unternehmensgeschichte unwiederbringlich zu Ende. Alberts und sein traditionsreiches Bankhaus wurden Opfer eines Systems der Gier – und des eigenen Nachwuchses.
    Der Mann, der mit halsbrecherischen Spekulationen das altehrwürdige Bankhaus in den Konkurs trieb, war allem Anschein nach ein enger Mitarbeiter des langjährigen Gesellschafters.
    Bernhard Milbrandt arbeitete seit über 15 Jahren für die Bank, erst als Kundenbetreuer, später als Händler. Nicht wenige sahen die beiden als Mentor und Protegé. Am 22. April, dem »schwarzen Freitag« der Bank, verschwand Milbrandt nach einer Reihe beispielloser Verlustgeschäfte spurlos aus dem Handelsraum. Auf seinem Desk ließ er seine Firmen- ID   und die Zugangskarte zurück. Ein inszenierter Abgang?
    Alberts, eines der letzten unabhängigen privaten Bankhäuser, das die Finanzkrise einigermaßen überstanden hatte, war hauptsächlich für das Privatkundengeschäft zuständig. Es galt als renommierter Vermögensverwalter und Finanzierer mittelständischer Unternehmen. Die Analysten des Bankhauses genossen seit vielen Jahren einen ausgezeichneten Ruf bei Privatkunden und Brokern, in brancheninternen Rankings belegten sie regelmäßig Spitzenplätze.
    Am Samstag war bekannt geworden, dass die Bank in Zahlungsschwierigkeiten geraten war, nachdem einer der Händler in großem Stil mit riskanten Leerverkäufen gescheitert war. Diese Art Geschäfte sind seit der Lehman-Pleite 2008 hoch umstritten. Die Situation hatte sich für die Bank derartig zugespitzt, dass der 74-jährige Alberts einen Schlaganfall erlitt. Er starb in der Nacht zum Mittwoch.
    Milbrandt selbst bekam nicht mehr mit, wie sein Arbeitsplatz im Chaos versank. Seit seinem Verschwinden ranken sich wilde Gerüchte um die Motive für seine selbstmörderisch anmutenden Spekulationen. Die Bank hatte seit 2008 immer wieder mit Liquiditätsproblemen zu kämpfen. War also Milbrandts Coup der groß angelegte Versuch, die Schuldkonten der Firma auf einen Schlag auszugleichen? Oder handelte der Trader auf eigene Rechnung?
    Ein Bankraub von innen
    Bernhard Milbrandt wurde im pfälzischen Nierstein am Rhein in eine Kleinunternehmerfamilie hineingeboren. Er machte zunächst die mittlere Reife, bevor er auf die Gesamtschule wechselte und das Abitur ablegte. Während des   BWL -Studiums in Mannheim nahm er an einem Traineeprogramm teil, wo er von Alberts entdeckt wurde. Hier begann ein steiler Aufstieg für den Nachwuchsbanker, dessen Unerschrockenheit sich schnell herumsprach.
    Im konservativen Bankhaus Alberts geriet sein aggressiver Anlagestil bald in Konflikt mit den Vorgaben seiner Vorgesetzten. Zwar gingen seine Strategien meistens auf und bescherten seinen Kunden hohe Renditen. Doch die Risiken, die er dafür einging, waren beträchtlich. Anstatt den jungen Wilden jedoch an die Leine zu legen, schickte Alberts ihn 2005 für ein Jahr in ein Liechtensteiner Tochterunternehmen, wo er lernte, am internationalen Rohstoff- und Devisenmarkt zu spekulieren. Das war ungefähr so, als würde man einen Choleriker in ein Martial-Arts-Trainingslager stecken. 
    Milbrandt entwickelte sich schnell zum Spezialisten für »sportliche« Investitionen, wie es in der Branche heißt. Er agierte hauptsächlich an Märkten, die für ihre hohen Schwankungen bekannt sind: Devisen, Energieversorger, Termingeschäfte. Schon bald galt er als der Mann für besondere Aufgaben, ein loyaler Macher mit Killerinstinkt.
    Anfang April 2010 führte er seit anderthalb Jahren eine eigene Abteilung an, deren einziger Mitarbeiter er war und die ausschließlich Eigenhandel betrieb. Das bedeutete, dass er nicht länger das Vermögen seiner Kunden, sondern das Kapital der Bank investierte. Und da Johann Alberts die Bank war, formulieren es einige Beobachter mit den Worten, dass da ein wohlhabender Vater seinen Sohn mit reichlich Spielgeld ausgestattet hat, um sich in einem Kasino seiner Wahl auszutoben.
    Das Spielerglück jedenfalls hat Milbrandt an jenem 22. April vor knapp einer Woche definitiv verlassen: Seine Wetten platzten. Doch als die Gläubiger ausgezahlt werden sollten, gelang es dem

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