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Gewäsch und Gewimmel - Roman

Gewäsch und Gewimmel - Roman

Titel: Gewäsch und Gewimmel - Roman
Autoren: Klett-Cotta Verlag
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unserer vulgären Triebe, Halluzinationen, Machenschaften sehen.«
    Und noch etwas später fällt ihm wieder das Drehen der Windräder ein, das er vom Zug aus gesehen hat. In trägem Refrain wiesen die Flügel abwechselnd steil in die Unendlichkeit. Den Anfang der Erinnerungen hat er Frau Fendel erzählt, den Rest, ab Wien, nur teilweise.
Des Rätsels Lösung
    Die Gesellschaft macht denjenigen, die ihren Hunden, Katzen, Pferden, die Tieren überhaupt sehr zugeneigt sind, sie mit großer Aufmerksamkeit in ihren Gemütsregungen beobachten und voll Hingabe zu beschützen suchen, schwere, auch höhnische Vorwürfe, als wären jene Zeitgenossen zwangsläufig durch ihre Tierliebe entartet und Menschenfeinde.
    Dabei, durchfuhr es heute Herrn Brück anläßlich eines Besuchs in Berlin, ist es doch so, daß in den Tieren im Vergleich zu den Menschen das allgemeine Entwicklungsschicksal gestoppt wurde. Mitten im Zeitstrom hielt die Evolution sie damals an. Sie sind erstarrt – auch wenn sie rennen, auch wenn sie leiden – zu paradiesischen, in sich kreisenden Geheimnissen, als entkämen sie, ausgerechnet sie, der biologischen Tragik und der philosophischen Spekulation, jawohl!
    Und trotzig führte Herr Brück seinen halblahmen und fast blinden Hund Rex Brück in den Zoo. Sie kehrten erst zurück, alsdie kompletten Passanten mit Tüten, Aktenkoffern und Sorgen auf den Straßen im Moorbraun des Abends versanken.
Ein ganzer Tag
    Die Frau, die im gelben Eckhaus Schubertstraße/Beethovenstraße wohnt, eine Fotografin im 3. Stock, erinnerte sich, am Fenster stehend, noch vor dem Frühstück, mit den nackten Platanen vor Augen, an ihre verstorbenen Eltern, die sich so oft gestritten hatten. Wenigstens einmal in ihrer Ehe aber waren sie nach beider Auskunft glücklich gewesen, so richtig selig. Das passierte an jenem unvergleichlichen Abend in Berchtesgaden, als sie hoch über dem Tal zu kühlem Weißwein frische Forellen gegessen hatten. Noch jetzt freute sich die Tochter, mit Blick auf die Bäume, von Herzen daran. Wie es den Eltern geschmeckt hatte!
    Während des Frühstücks allerdings las sie, daß einer der Chefplaner von Al-Qaida im Gefängnis von Guantanamo im März 2003 180mal durch simuliertes Ertränken gefoltert worden sein soll. Sechsmal am Tag Todesangst? Handelte es sich um einen Druckfehler? Und wer würde jene monströse Frau, die damalige Außenministerin C. Rice strafen, die in ihren pastellfarbenen Schneiderkostümen mit ungetümem Gebiß grimassierend, stets als Dame behandelt, schwere und schwerste Folter befürwortet hatte?
    Am Abend aber spürte die Frau wieder, tief am Grund ihrer Empfindungen, daß es jemanden gab und daß er sie, die Fotografin, ins Herz geschlossen hatte. Er kratzte an ihr, er schnitt ihr erbarmungslos in Fleisch und Seele, und doch schien der vorläufig Unsichtbare sie insgeheim zu lieben, trotz seiner grausamen Streiche. Dabei wollte sie es fürs erste belassen. Ein schönes Gefühl, allerdings verging es dann wieder.
    Diese Fotografin, die wie viele auf Elsas Künste schwört, heißt Roeland, Frau Roeland, genannt Babs.
Der Haken
    Ich könnte, sagte sich der noch wenig erfolgreiche Komponist Hannes (eigentlich Hans) Keller am 20. November, als er die typischen Naßrasurgrimassen schnitt, viele sehr verschiedene Formen annehmen, beziehungsweise diverse Leben führen und Charaktere glaubwürdig darstellen. Jawohl, sehr viel Unterschiedliches an Tugend und Laster fühle ich in mir als Möglichkeit. Ich könnte, könnte sehr wohl, wenn ich nur wollte.
    Früher hat er woanders gewohnt, mit einem in der dortigen Moritzstraße gut therapierten Rückenleiden. Hieß der rettende Engel von damals nicht Elsa? Haha, die bildschöne Elsa mit den roten Haaren! Man hatte unter ihren Händen gar kein Interesse, gesund zu werden.
    »Tugend, vor allem Laster: Ich könnte, wenn ich wollte, Elsa, herrliches Weib, kein Problem. Nur habe ich, das ist der Haken, dafür keine Zeit, keine Zeit, selbst für dich nicht. Keine Ausnahme! Unerbittlich ruft die Musik.«
    So macht er sich Mut.
Das Geheimnis der Jagdhütte
    Herbert Wind lernte, so erzählte er es Elsa nach deren Arbeitsschluß, bei einem novemberlichen Aufenthalt in Graubünden einmal einen Mann kennen, der ihn, wenige Tage bevor man mit den ersten kräftigen Schneefällen rechnen mußte, in seine Jagdhütte hoch oben in der Bergwildnis einlud. Nach beschwerlicher, streckenweise gefährlicher Wanderung fand der nicht schwindelfreie Herbert

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