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Gewäsch und Gewimmel - Roman

Gewäsch und Gewimmel - Roman

Titel: Gewäsch und Gewimmel - Roman
Autoren: Klett-Cotta Verlag
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Tafel Schokolade, Buch, zwei Äpfel, die Packung Müsliriegel, Sonnenbrille, Piccoloflasche usw. ab und brachte alles wieder in der Tasche unter. Es spielte sich wortlos in tiefem Frieden ab und wurde, wie das Auspacken, von denen, die stumme Zeugen sein durften, in jeder Bewegung gebannt verfolgt.
    Etwas täuschte nun allerdings dabei. In »tiefem Frieden« befand sich Eva keineswegs. Sie tat nur so vor sich selbst, wollte es sich nur unbedingt einbilden, denn sie hatte doch am Abend vorher ihre große Liebe wegen überführter Untreue zum Teufel gejagt.
Nebel
    Bereits eine ganze Weile, bevor Nachrufe auf ihn in den großen Tageszeitungen stehen würden, spürte Pratz, der noch immer hin und wieder in aller Munde war, bei dichtem Novembernebel, daß sein Herz nicht wie in schlimmen Fällen gegen ihn anwütete, sondern, viel ernster, still schlagend ruhte. Sosehr er die Erinnerungstaschen ausleerte und umstülpte: Keine heiße Liebe, kein göttliches Klavierkonzert, kein markerschütternder Erfolg und keine ehemals aufwühlende Landschaft brachten es mehr zum Erbeben. Er wußte plötzlich, daß selbst dann, wenn jetzt alles vor ihm stände und sich ereignete, sein Herz ungerührt weitermachen und nicht einmal im Schrecken über diese Ungerührtheit zusammenbrechen würde. Still schlagend ruhte es.
    Stillstehen würde es, was er noch nicht ahnt, erst später, vermutlich, wenn er neben einem schwarzen Mann auf einem Sofa säße.
Untrost und Glück
    Der Sohn von Frau Fendel, der in München wohnt, statt bei ihr hier in der Irenenstraße, was doch ein erheblicher Trost für sie wäre, da er unverheiratet ist und bisher nur lockere Verhältnisseeingeht, verlor durch einen Autounfall seinen Zwillingsbruder. Dieser Verlust traf ihn schwer. Warum widerfährt gerade mir ein so schneidender Schmerz? fragte sich der Mann, der zum ersten Mal bis in den Grund seiner Existenz spürte, daß der Tod ein Klaffen, ein Kläffen, kurz, der meisterlich glatte Schnitt ist, der die Welt trennt von einer Zwillingswelt.
    Was er nicht wissen konnte: Drei Häuser weiter erlebte ein anderer Mann, Herr Schwarz nämlich, einen ähnlichen Kummer, mindestens so groß wie der von Herrn Fendel, denn hier handelte es sich um den Tod der sehr geliebten Ehefrau. Diesem Mann jedoch zeigte sich in seinem Leid etwas ganz anderes. Noch während er schluchzend am Grab stand, erkannte er (als alle Trauernden zum Imbiß vorausgegangen waren, ihm aber, während die Friedhofsarbeiter hinter den Gebüschen schon lauerten, die letzten Minuten mit der teuren Verstorbenen gönnten) das Gewebe zwischen Lebenden und Toten, die stille Post, die durch alles Existierende und jemals Existente läuft, unter der Erde und über ihr. Nichts war erklärbar ohne das Wirken und Vibrieren der Gestorbenen, die als feinste Partikel alles durchdrangen in verwandelter, unleugbarer Anwesenheit. Es traf ihn wie ein Blitz, Dolch, Pistolenschuß, packte ihn als rasendes Glück. Warum widerfährt mir nur eine solche Freude, fragte er sich und schenkte der Bettlerin am Friedhofsausgang alles Bargeld, das sich in seiner Brieftasche befand, nämlich vierzig Euro.
    Mein Gott, vierzig Euro, dachte er am nächsten Tag, schüttelte den Kopf über sich, lächelte aber, ohne sich die Tränen abzuwischen, vierzig Euro! Hätte ich doch mehr dabeigehabt!
Blick und Kick
    Die Krankentherapeutin Elsa, aus dem renovierten Haus am Ende der kurzen Moritzstraße, verabschiedete sich an einem kühlen Novembermorgen von ihrem Freund, der sie wie immer rechts und links von der Nase küßte, um dabei seine eigene bequemfür einen Moment in ihre Augenhöhlen zu betten. Als in der Nacht, nachdem sie beide vom Fenster aus eine Weile die aus ihrem Inneren leuchtende Litfaßsäule mit dem Unterwäschenmädchen angesehen hatten, wenig später in der Nachbarwohnung die Toilettenspülung losrauschte, war er nackt aus dem Bett gesprungen, hatte gerufen: »Ein Beischlafhindernis!«, um dann in der Küche allein für sich zu rauchen.
    Der zurückgelassenen Elsa aber fiel das wieder jungfräulich gewordene Bett und Schlafzimmer ihrer Mutter ein, nachdem der Mann gestorben und die vier Kinder ausgezogen waren. Wie genügsam und klösterlich adrett es vor ihr stand, als wäre niemals etwas darin vorgefallen! Es rührte sie plötzlich sehr. Aber auch Henri rührte sie, als sie daran dachte, wie sehnlich er immer einen Triumph seiner Fußballmannschaft, Sankt Pauli war’s wohl, erhoffte. Monatelang hatte er auf dem Weg zum

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