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Gestatten, dass ich sitzen bleibe: Mein Leben (German Edition)

Gestatten, dass ich sitzen bleibe: Mein Leben (German Edition)

Titel: Gestatten, dass ich sitzen bleibe: Mein Leben (German Edition)
Autoren: Udo Reiter
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durch die Gegend kutschierten, trugen sie zur optischen Aufwertung des Dorfes bei. Mit dem Haubold’schen Know-how wurde das neu gegründete Unternehmen im Lauf der Jahre zu einem weltweit erfolgreichen Produzenten von Webstühlen und Webmaschinen. Mein Vater fing 1950 dort als Werkmeister an. Er bekam zweihundert Mark pro Monat, und das regelmäßig. Es ging langsam aufwärts. Auf die Einkaufsliste kamen jetzt Butter, Leberwurst und gelegentlich »Südtiroler Sonnenschein«. Das war ein dünner Rotwein, die Literflascheum 1,75 DM. Dieser Exzess sprach sich herum, und mein Vater kam bei den Mühlweg-Leuten in den Ruf eines Gourmets.
    Neben unserem Haus befand sich die Dornier-Kantine. Dort musste ich abends oft eine Flasche Bier holen. In der Kantine war auch das einzige Telefon im ganzen Mühlweg. Wenn beispielsweise jemand krank war und man den Dr. Klose rufen musste, ging man dorthin. Das war aber selten der Fall. Herr Weber, der Kantinenpächter, hatte riesengroße buschige Augenbrauen, wie ich sie später nur noch bei Theo Waigel gesehen habe. Er hat immer eine Sau gehalten und die dann selbst in der Waschküche geschlachtet. Wir Mühlweg-Kinder, der Herbst Helmut, der Spieß Oskar, der Dossenberger Walter und ich, durften dabei zuschauen. Es war gruselig. Der Weber hat der Sau mit der umgekehrten Axt mehrmals auf den Schädel gehauen. Sie hat gequiekt, bei jedem Schlag weniger, bis sie schließlich platt auf dem Boden lag. Dann hat er ihr mit dem Messer den Hals aufgeschnitten und das Blut in einen Kübel laufen lassen. Unter pädagogischen Gesichtspunkten war das sicher nicht einwandfrei. Aber damals war man noch nicht so weit.
    Die Milch brachte tagtäglich der Häckelsmüller, ein mürrischer, wortkarger Mann mit eckigem Gesicht. Auf seinem Leiterwagen zog er drei große Milchkannen aus Weißblech hinter sich her. Die Frauen kamen dann mit ihren Milchkrügen aus den Häusern, unserer war weiß mit blauen Punkten, und ließen sich die Milch mit einer Schöpfkelle in den Krug füllen.
    Kartoffeln und Briketts wurden später von Dornier organisiert. Sie kamen in Waggons auf das Werksgelände, wurden dort in Säcke gefüllt, nach Hause
     gekarrt und im Keller eingelagert. Einmal waren die Kartoffeln miserabel. Viele grün, andere mit faulen Stellen. Als sich mein Vater, der im Betriebsrat
     war, beim Lieferanten beschwerte,meinte der nur: »Sie werns scho fressn.« Die Position der Verbraucher war damals noch schwach. Wenn der Winter besonders kalt war, erfroren die Kartoffeln und schmeckten dann unangenehm süß. Aber es half nichts, sie kamen auf den Tisch, und was auf den Tisch kam, wurde gegessen. Weggeworfen wurde nichts, vor allem kein Brot. Das geht mir heute noch nach. Wenn ich frisches Brot kaufe, habe ich ein Problem damit, das alte zu entsorgen. Ich esse es lieber auf und lasse das neue alt werden. Anderen Kriegskindern soll es ähnlich gehen.
    Einmal in der Woche, am Sonntag, gab es jetzt Rindfleisch vom Metzger Lettmeier in Lindau-Reutin. Es brutzelte den ganzen Samstag in einem gusseisernen Topf vor sich hin. Sonntags nach der Kirche kam es zum obligatorischen Kartoffelsalat auf den Tisch. Der Kartoffelsalat meiner Mutter hat sich von allen anderen Sorten, die ich im Lauf meines Lebens noch essen sollte, unterschieden. Ganz dünn geschnittene Kartoffeln (»Heiß geschnitten ganz allein, kann der Salat geschmeidig sein«, sagte die Oma), Pfeffer, Salz, Zwiebeln, Essig, Öl und heißes Wasser. Sonst nichts. Keine Äpfel, kein Speck, keine Gürkchen, keine Mayonnaise. Mutters Kartoffelsalat ist bis heute das Einzige, was ich selber kochen kann. Er schmeckt prima, und ich habe schon viel Lob dafür geerntet. Es gab Leute, die mich nur deswegen besucht haben. Kati Witt zum Beispiel. Ich hatte ihr auf irgendeiner Medienparty von meiner einschlägigen Kochkunst erzählt. Sie besuchte mich dann mit ihrer Managerin und brachte als Gegenentwurf einen sächsischen Kartoffelsalat ihrer Mutter mit. Wir haben einen Geschmacksvergleich gemacht. Ihrer war auch nicht schlecht.
    Am Sonntagmittag im Mühlweg bekam ich auch ein kleines Stück vom Rindfleisch. Montags gab es für den Vaterden Rest vom Braten. Überhaupt war es damals selbstverständlich, dass der Vater etwas anderes zum Essen bekam als Frau und Kinder. Abends kriegte er meist ein Stück Käse und ein paar Scheiben Wurst, dazu die Flasche Bier aus der Kantine. Meine Mutter und ich, später auch mein Bruder, haben Griesbrei oder gekochte Kartoffeln

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