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Gestatten, dass ich sitzen bleibe: Mein Leben (German Edition)

Gestatten, dass ich sitzen bleibe: Mein Leben (German Edition)

Titel: Gestatten, dass ich sitzen bleibe: Mein Leben (German Edition)
Autoren: Udo Reiter
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»Arschlings Riggebach«
    Dabei hatte es gar nicht so schlecht angefangen. Am 28. März 1944 kam ich in Lindau, einer idyllischen kleinen Insel im Bodensee, auf die Welt. Mein Vater war Flugzeugmechanikermeister und arbeitete bei Dornier in Friedrichshafen. Weil die Produktion von Flugzeugen als kriegswichtig galt, musste er nicht an die Front und überlebte den Krieg unbeschadet. In Lindau hat man vom Krieg wenig mitbekommen. Die Häuser haben gezittert, wenn Bomben auf das sechsundzwanzig Kilometer entfernte Friedrichshafen fielen. Dann gingen die Sirenen, meine Mutter packte mich in den Kinderwagen und rannte mit mir in den Wald, der gleich hinter unserer Wohnung begann. Das war alles.
    Als der Krieg vorbei war, war ich ein Jahr alt. Es begann eine Kindheit in »Riggebach«. Dieses Rickenbach war ein Dorf auf dem Festland im Westen von Lindau nahe der Grenze zu Österreich. Keine feine Gegend. Ein paar Bauernhöfe, ein Fabrikgelände, ein Lebensmittelhändler, der Schuhmacher Taubenberger, der Bäcker Hechelmann und später Werkswohnungen der neu gegründeten Lindauer Dornierwerke. Dort, im Mühlweg 10, wohnten wir. Wenn es beim Skatspielen schlecht lief, sagten die Lindauer: »Es geht arschlings Riggebach.«
    Gleich nach dem Krieg – den Flugzeugbau in Friedrichshafen gab es nicht mehr – hat mein Vater bei den Albau-Werken in Lindau-Reutin in der Kemptener Straße angefangen. Das war eine Klitsche, die aus dem Rest-Aluminiumder nationalsozialistischen Flugzeugproduktion Paddelboote und Kochtöpfe herstellte. Das Geschäft muss schlecht gegangen sein, mein Vater kam am Ende des Monats oft ohne Geld nach Hause. Dafür bekam er ein paar Aluminiumtöpfe. Mit denen fuhren wir samstags zum »Hamstern«. Er setzte mich in den Kindersitz auf seiner Fahrradstange und radelte mit mir das Bodenseeufer hinunter: Wasserburg, Langenargen, Nonnenhorn. Wir klapperten die Bauernhöfe ab, und wenn wir Glück hatten, tauschten die Bauern die Töpfe gegen ein paar Äpfel oder einen Sack Kartoffeln. Damals habe ich die ersten Kirschen meines Lebens bekommen. Auf dem Heimweg habe ich sie vorn auf dem Fahrrad aus einem Körbchen heraus gegessen und die Kerne auf die Straße gespuckt. Zu Hause hatte ich Bauchweh.
    Im Mühlweg liefen damals schnurrbärtige dunkelhäutige Männer herum: Marokkaner. Lindau war französische Besatzungszone. Das DKW-Motorrad, das mein Vater in den fünfziger Jahren gebraucht kaufte, hatte das Nummernschild »FBy 1099«. FBy hieß französische Besatzungszone Bayern. Die Hausfrauen im Mühlweg hatten Angst vor den Marokkanern. Nur die Frau Nagengast nicht. Die ließ sich mit einem ein und taufte ihre Tochter dann Yvonne. Sie wurde daraufhin von den anständigen Rickenbacherinnen gemieden.
    Es gab wenig zu essen in den Nachkriegsjahren. Meine Eltern haben mir erzählt, dass sie manchmal in der Nacht aufgestanden sind, um die Kartoffelschalen vom Vortag nochmals aufzukochen und als Suppe zu essen. Wenn ich das heute erzähle, lacht mich meine Tochter immer aus und sagt, ich würde Sozialkitsch verbreiten. Ich bin aber ziemlich sicher, dass es so war. Meine Eltern haben sich das bestimmt nicht ausgedacht. Ende des Monats schickte meine Mutter meist mich zum Einkaufen. Einem Kindkann man kein Geld mitgeben, hieß es dann. Beim Zacher, dem Gemischtwarenhändler, konnte man anschreiben lassen: Brot, Zucker, Nudeln und gelegentlich Camelia. Das waren blaue Schachteln, auf denen ein merkwürdiger Spruch stand: »Camelia gibt allen Frauen Sicherheit und Selbstvertrauen«. Wenn ich fragte, was denn da drin sei, hieß es nur: »Das ist nichts für Kinder«. Aufklärung war damals noch nicht en vogue.
    Die Albau-Werke waren inzwischen eingegangen. Mein Vater hatte eine neue Arbeit gefunden, bei der Lindauer Dornier GmbH, die sich nach dem Krieg in Rickenbach angesiedelt hatte. Die Firma gehörte Peter Dornier, dem zweitältesten der sieben Söhne des legendären Flugzeugbauers. Er versuchte sich mit Textilmaschinen und kooperierte dazu mit dem Chemnitzer Unternehmer Haubold, einem Nachfahren von Carl Gottlieb Haubold, dem »Vater des Chemnitzer Maschinenbaus«. Unser Haubold hatte mit seinen drei Töchtern nach 1945 die Sowjetische Besatzungszone verlassen und war nach Lindau umgesiedelt. Die schon etwas ältlichen Haubold-Damen wohnten in der sogenannten Villa, dem feinsten Haus in Rickenbach. Durch markante Kleidung, für Rickenbacher Verhältnisse ungewöhnliches Make-Up und einen dicken Opel-Kapitän, in dem sie

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