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Gérards Heirat

Titel: Gérards Heirat
Autoren: André Theuriet
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Erstes Kapitel.
    Welch beruhigenden Klang haben nicht die Glocken, die noch in manchen Landstädtchen den Abend einläuten! Die vertrauten Töne beschließen das Tagewerk so friedlich und schläfern die Kinder in ihren Korbbettchen besser ein als ein Schlummerlied. Es liegt etwas Inniges, Tröstliches in diesen vollen, tiefen und friedlichen Klängen... Die Glocken von Juvigny haben diese Klänge auch; sie ertönen jeden Abend, im Winter um acht, im Sommer um neun Uhr, von dem stattlichen Turm, der einzigen Zierde, die Ludwig XIV., dieser große Zerstörer der lothringischen Festungen, der Mauerkrone der alten Stadt gelassen hat.
    An einem schönen Julisonntag des Jahres 1868, in dem Augenblick, mit welchem unsere Geschichte beginnt, verhallten die letzten Töne der Abendglocke über den Rebgeländen der Hügel, an denen sich die im Grünen versteckten Häuser Juvignys bis zu dem Flusse Ornain hinabziehen wie eine Herde zerstreut weidender Schafe, die zur Tränke eilen.
    In einem der Gärten, die hinter den Wohnhäusern der oberen Stadt liegen, lehnte ein junger Mann an der Mauer einer Terrasse und betrachtete sinnend die Abhänge der Schlucht von Polval, die, zwischen zwei Weinbergen eingezwängt, sich schon in der Dämmerung verlor. Die ersten Sterne blinzelten mit ihren Diamantaugen hinter dem Saum der Wälder hervor, die den Horizont begrenzen, und aus der Ferne ließ sich das Rollen der Lastwagen auf der steinigen Landstraßevernehmen, das sich immer weiter entfernte. Während der Stille, die auf den letzten Ton des Abendgeläutes gefolgt war, trug plötzlich der Westwind stoßweise die fröhlichen Weisen einer Tanzmusik aus einer benachbarten Gartenwirtschaft herüber, unter deren Bäumen ein Ball abgehalten wurde. Der junge Mann erhob das Haupt und atmete tief auf, als ob er die im Wind zerstreuten, melodischen Töne ganz in sich aufnehmen wollte.
    »Herr Gérard,« rief plötzlich hinter ihm die näselnde Stimme der alten Magd des Hauses, »Herr von Seigneulles ist schon schlafen gegangen; Baptist und ich möchten auch ins Bett, gedenken Sie denn noch nicht hereinzukommen?«
    »Gleich, Marie!«
    Nachdem die Magd die Gartenthüre, die in die Weinberge führte, sorgfältig abgeschlossen hatte, kam sie wieder zu ihrem jungen Herrn zurück.
    »Gute Nacht,« sagte sie, »aber vergessen Sie nicht, wenn Sie hinauf gehen, die Flurthür gut zu verriegeln. Sie wissen, daß Ihr Vater nicht gerne bei offenen Thüren schläft.«
    »Ja, ja!« antwortete er ungeduldig, »Gute Nacht!«
    Gérard von Seigneulles war ein junger Mann von dreiundzwanzig Jahren, etwas zart, aber hübsch gewachsen. Seine matte Hautfarbe und seine tiefblauen Augen wurden durch das schwarze Haar und den glänzenden Bart gehoben. Der Ausdruck seines Gesichtes war beweglich und doch fest und zeigte eine gewisse verschleierte, durch große Schüchternheit unterdrückte Leidenschaftlichkeit. Diese Gegensätze gaben seinem ganzen Wesen etwas Zurückhaltendes, das man leicht für Hochmut halten konnte.
    Sein Vater, Ritter des Ludwigsordens, war Gardeoffizier unter der Restauration gewesen, er hatte sich erst spät verheiratet und seine Gattin nach Verlauf einiger Jahre verloren. Gérard war das einzige Kind des Herrn von Seigneulles, der ihn streng nach der alten Sitte erzogen hatte. Der »Chevalier«, wie man ihn in Juvigny nannte,ein leidenschaftlicher und halsstarriger Legitimist, hatte zwar einen wenig entwickelten Verstand, aber das Herz am rechten Fleck, und war von einer sprichwörtlich gewordenen Ehrenhaftigkeit. Er war der Ansicht, daß die Söhne bis zu ihrer Volljährigkeit, die bei ihm, nach dem alten Recht, erst mit fünfundzwanzig Jahren eintrat, den Eltern blindlings zu gehorchen hätten.
    Mit zwölf Jahren war Gérard in die Jesuitenschule nach Metz gebracht worden. Er dachte noch zitternd an die Angst zurück, die ihn stets erfaßt hatte, wenn er in den Ferien mit schlechten Zeugnissen nach Hause gekommen war. Gar oft war er fünf- oder sechsmal um die obere Stadt gelaufen, ehe er es gewagt hatte, die Klingel am väterlichen Hause zu ziehen und den lärmenden Zornesausbrüchen des Herrn von Seigneulles standzuhalten. Sobald er das Baccalaureat erlangt hatte, war er zum Studium der Rechte nach Nancy gegangen; allein auch hier hielt ihn der gestrenge Chevalier fest im Zaum. Er hatte seinen Sohn bei einer frömmelnden, ständig ans Zimmer gefesselten alten Verwandten in Kost und Wohnung gegeben. Um in sein Zimmer zu gelangen, mußte Gérard

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