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Gefährliche Freiheit

Gefährliche Freiheit

Titel: Gefährliche Freiheit
Autoren: Margaret Peterson Haddix
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Er überlegte, mit ihr zur Hintertür hinauszurennen und sie in Sicherheit zu bringen, aber der Officer hatte die Pistole jetzt auf sie beide gerichtet. Luke hätte weder schnell noch weit genug fortrennen können.
    Er senkte den Kopf und drückte das Gesicht in den weißen Haarkranz der Frau.
    »Es tut mir leid«, flüsterte er. »Ich versuche –«
    Die Frau gab nicht zu erkennen, ob sie ihn verstanden hatte.
    Officer Houk begleitete sie zur Tür hinaus. Auf dem löchrigen Bürgersteig kam Luke ins Stolpern und hätte die Frau um ein Haar fallen gelassen.
    »Vorsicht!«, zischte Officer Houk.
    »Es ist mein Bein«, versuchte Luke zu erklären. »Als die Tür umfiel –« Sein Bein pochte jetzt und selbst das geringe Gewicht der Frau schien eine zu große Last zu sein.
    »Dann setz sie dort ab«, sagte Officer Houk und deutete auf eine Stelle vor einer anwachsenden Menschenmenge.
    Luke wollte eine so alte Frau nicht einfach im Dreck absetzen. Aber sie überraschte ihn damit, dass sie von seinen Armen glitt und sich auf die Füße stellte. Jetzt wurden auch die Leute auf die stolze alte Dame aufmerksam, die mit vorgehaltener Pistole bedroht wurde, und es wurde still.
    »Diese Frau«, rief Officer Houk der Menge zu, »hat sich geweigert, einer Anordnung der Bevölkerungspolizei Folge zu leisten. Das ist Hochverrat. Darauf steht die Todesstrafe. Ich erkläre sie hiermit für schuldig. Ist euch allen klar, was sie verbrochen hat?«
    Die Menge blieb stumm. Luke sah, wie einem Mädchen in der vordersten Reihe Tränen über das Gesicht liefen. Er sah einen Mann, der sich entsetzt die Hand vor den Mund hielt.
    Und er hörte hinter sich ein gedämpftes »Sir?«.
    Es war der Fahrer im Jeep. »Sir«, zischte er. »Das Funkgerät – Ich glaube, Sie sollten sich das anhören …«
    Verärgert über diese Unterbrechung verzog Officer Houk das Gesicht. Er sah zwischen dem Jeep und der Menge hin und her, zwischen der aufrecht dastehenden stummen Frau und dem Funkgerät, das ihm der Fahrer entgegenhielt.
    »Hier«, sagte der Officer und drückte Luke die Waffe in die Hand. »Halte sie weiter in Schach«, flüsterte er dann.
    Das Metall der Pistole schien sich Luke in die Haut zu brennen. Ich habe eine Wahl … Ich habe eine Wahl … Die Worte schienen in seinen Ohren zu dröhnen und alles andere auszublenden. Nur vage registrierte er, dass Officer Houk zum Jeep hinüberging und dort in das Funkgerät sprach. Setzte jetzt nicht auch in der Menge Gemurmel ein? Was, außer Rauschen und Knacken, hörte Officer Houk noch am Funkgerät?
    »… Widerstand in Ryana … ist an verschiedenen Orten gewalttätigen Ausschreitungen ausgesetzt … werden alle Einheiten zur Verstärkung zurückgerufen …«
    Hatte Luke das wirklich gehört?
    Officer Houk ließ das Funkgerät sinken und wandte sich wieder zu Luke und der Frau.
    »Erschieß sie«, sagte er. »Knall sie ab und dann fahren wir.«
    Die Pistole in Lukes Hand zitterte.
    Ich habe eine Wahl … Ich habe eine Wahl …
    »Erschieß sie! Auf der Stelle!«, brüllte Officer Houk.
    Hat sich geweigert, einer Anordnung der Bevölkerungspolizei Folge zu leisten … Das ist Hochverrat … Darauf steht die Todesstrafe …
    Luke ließ die Waffe fallen und rannte los.

 
5. Kapitel
     
    Luke stürmte durch dichtes Gebüsch und verschwand hinter halb verfallenen Hütten. Hinter sich hörte er Pistolenschüsse, nahm sich aber nicht die Zeit, stehen zu bleiben und auszumachen, wer auf wen schoss oder ob irgendjemand ihn selbst ins Visier genommen hatte. Er rannte schneller, als er jemals beim Football, Brennball oder Völkerball gerannt war; lief ohne anzuhalten, selbst als ihm die Beine wehtaten und sein Atem in rauen Stößen ging.
    Dann fiel er hin und konnte nicht mehr aufstehen. Minutenlang lag er zusammengekauert auf dem Boden, ehe er sich auf den Rücken rollte und in den Himmel hinaufsah. Ein zarter Wolkenschleier bedeckte eine ferne, matte Sonne und dann verschwamm alles in einem grauen Nebel.
    Er weinte. Deshalb sah er alles verschwommen.
    Luke fuhr sich mit dem Ärmel über die Augen und schmierte sich dabei dicke Dreckstreifen ins Gesicht. Benommen stützte er sich auf den Armen auf.
    Ich habe sie nicht erschossen, dachte er. Gott sei Dank, dass ich sie nicht erschossen habe.
    Die Tränen liefen immer weiter, aber das spielte keine Rolle, denn niemand konnte ihn sehen. Er war allein auf einem einsamen Feld, und soweit er sehen konnte, war ihm keiner gefolgt.
    Ich sollte mich verstecken,

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