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Gefährliche Freiheit

Gefährliche Freiheit

Titel: Gefährliche Freiheit
Autoren: Margaret Peterson Haddix
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Nachricht von einer Person zur anderen weiterzuleiten. Luke war sich keineswegs sicher, ob er und seine Freunde überhaupt etwas erreicht hatten. Manchmal, wenn er ein Pferd striegelte, flüsterte er dem Tier ins zuckende Ohr: »Vielleicht bin ich wirklich nur ein nutzloser Stalljunge. Vielleicht ist das ja okay.«
    Luke hatte den größten Teil seiner dreizehn Jahre nicht mit Pferden, sondern mit Schweinen verbracht, und diese hatten ihn immer mit ihren kleinen Schweinsäuglein angesehen, als wollten sie sagen: Na und? Glaubst du, das interessiert mich? Die Pferde hingegen schauten ihn an, als verstünden sie ihn. Vor allem eine Stute hatte die Angewohnheit, ihm ihre Nase unter den Arm zu schieben, als wollte sie ihn trösten und sagen: Ich weiß, dass du viel durchgemacht hast. Dass du verletzt und hungrig bist und deine Familie und Freunde vermisst. Ich weiß, dass du Angst hast. Bleib einfach hier bei mir, dann wird dir nichts geschehen. Insgeheim nannte Luke dieses Pferd Jenny, im Gedenken an seine Freundin Jen Talbot. Aber tief in seinem Herzen wusste er, dass bei der echten Jen wohl kaum mit Trost zu rechnen gewesen wäre. Sie hätte ihn vermutlich angefahren: Wovon redest du überhaupt? Du bist mehr als ein nutzloser Stalljunge. Du bist wichtig! Geh los und verändere die Welt!
    Langsam wurde Luke ein wenig schwindelig vom Luftanhalten. Er wagte es, ganz vorsichtig aus- und wieder einzuatmen.
    Der Mann mit den Orden auf der Brust ließ sich Zeit. Er schritt die Reihe ab, starrte den Jungen in die Augen und betastete prüfend ihre Armmuskeln.
    »Du da«, sagte der Mann, zeigte auf den Größten unter ihnen und zog ihn auf die andere Seite. »Und du«, deutete er und zerrte den muskulösesten Jungen aus der Reihe.
    Luke gestattete sich tiefer einzuatmen. Er spürte die Kälte in der Morgenluft und malte sich aus, wie viel wärmer es drinnen im Stall sein würde. Noch zwei Jungen vor ihm, nur noch einer – wahrscheinlich hatte er nichts zu befürchten. Von den restlichen Jungen war er weder der größte noch der schwerste oder stärkste. Er war einfach nur ein ganz normaler, schlaksiger Junge.
    Wieder kniff der Mann die Augen zusammen und taxierte die in der Reihe verbliebenen Jungen. Er packte einen am Kopf, um ihm in die Ohren zu schauen, und musterte die strohblonden Haare eines anderen. Fast rechnete Luke damit, dass er jemandem in den Mund fassen würde, um seine Zähne zu begutachten, so wie es der Oberstallknecht bei den Pferden tat.
    Ein Glück, dass Mrs Talbot es geschafft hat, mir die Zahnspange zu entfernen, dachte Luke. Einen Moment lang überkam ihn die Erinnerung an einen unbekümmerten Augenblick inmitten von Angst und Trauer: Er sah sich und seine Freunde in einem gemütlichen Häuschen lachen, während Mrs Talbot an metallenen Stegen und Drähten zerrte und protestierte: »Hört mal, Leute, Zahnkunde ist nicht gerade mein Fachgebiet. Mit was befestigen sie diese Dinger bloß? Zement?« In diesem Moment hatte es Luke nicht gekümmert, dass die Zahnspange eine Gefahr für ihn darstellte, weil sie auf eine verdächtige Vergangenheit hinwies. Auch dass ihr Gezerre und Gekratze ihm wehtat, hatte ihn nicht weiter gestört. Er war einfach glücklich gewesen, mit seinen Freunden zusammen lachen zu können.
    Jetzt spürte er einen Kloß im Hals und musste heftig schlucken, um die Erinnerungen zu verscheuchen und das Gefühl zu unterdrücken, dass er es verdient hatte, mehr zu sein – nein, dass er mehr war – als ein nutzloser, einsamer Stalljunge. Vielleicht hatte er tief in der Kehle ein kleines Geräusch verursacht. Der Kopf des Mannes mit den Orden auf der Brust fuhr herum und seine zusammengekniffenen Augen richteten ihre volle Aufmerksamkeit auf Luke. Ein grausames, schmallippiges Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Entsetzt sah Luke, wie er langsam den Arm hob – immer höher und höher, bis er kerzengerade abstand, den Zeigefinger ausgestreckt.
    »Du«, sagte der Mann.
    Er deutete auf Luke.

 
2. Kapitel
     
    Wie betäubt saß Luke auf dem Rücksitz eines riesigen Vans. Man hatte ihm weder gesagt, wohin die Fahrt ging, noch hatte er die Möglichkeit gehabt, seine Habseligkeiten zusammenzusuchen oder sich von irgendjemandem zu verabschieden. Luke war sich nicht einmal sicher, ob er überhaupt wissen wollte, wohin es ging, und seine Habseligkeiten waren nicht der Rede wert. Doch als der Wagen das Tor des Hauptquartiers passierte, musste er einen Schrei unterdrücken: Halt, wartet. Stopp! Ich

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