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Fürchte dich nicht!

Fürchte dich nicht!

Titel: Fürchte dich nicht!
Autoren: Grafit
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Prolog

    Mit ihm war die Kraft und die Herrlichkeit. Er schwebte durch den Raum wie eine junge Gottheit, sein Herz schlug ruhig und gleichmäßig. Die Mission, die er zu erfüllen hatte, bedeutete nicht mehr und nicht weniger als das Ende der Welt, in die er hineingeboren, in der er aufgewachsen und an der er sich abgerieben hatte. Wenn die Mission gelingen würde – und daran zweifelte er keinen Moment –, begann ein neues Zeitalter, alles würde besser werden, der Menschheit stand eine Epoche der Freiheit bevor.
    Es lag nicht an ihm allein, natürlich nicht. Aber seine Brüder und Schwestern, die in den anderen Hotels das Gleiche versuchten, waren ebenfalls gut vorbereitet. Letztlich stand jeder für jeden ein und so hatten sie gelost, und er hatte den britischen Premierminister gezogen. Es war ihm vollkommen egal, mit derselben Überzeugung hätte er den französischen Präsidenten oder den spanischen Ministerpräsidenten übernommen. Der Premierminister war – wie jeder seiner Amtskollegen – nur ein Mensch, ein fehlbarer, von Zwängen, Umfragen und falschen Einflüsterungen getriebener Mensch.
    Die Sicherheitsleute am Eingang des Hotels hatten keinen Verdacht geschöpft, weil er sich nicht wie ein Attentäter verhielt. Attentäter konnten ihre Nervosität nicht verbergen, sie schwitzten und stanken nach Angst und Entschlossenheit. Geschulte Personenschützer – und die deutschen und britischen Beamten im Hotel gehörten zu den besten – erkannten einen Attentäter auf zehn Meter Entfernung.
    Ihn nicht. Er war ruhig geblieben und hatte den Männern lächelnd seinen Ausweis gezeigt, der ihn als Kellner identifizierte, zugelassen für die höchste Sicherheitsstufe. Das gefälschte Dokument war nicht perfekt, aber gut genug für einen langen kritischen Blick. Der Mann, dessen Rolle er einnahm, lag gefesselt in seiner Dienstbotenkammer. Mit einem blutigen Daumen. Denn nicht der Ausweis, bei dem sie das Foto und einige Daten ausgewechselt hatten, sondern der Daumenabdruck in der Sicherheitsschleuse stellte das größere Problem dar. Vorsichtig drückte er seinen rechten Daumen, an dem die abgezogene Haut des echten Kellners klebte, auf den Scanner. Das grüne Lämpchen leuchtete auf, die Sicherheitsleute nickten ihn weiter zum Metalldetektor und tasteten ihn anschließend gründlich ab. Sie fanden nichts. Für das, was er vorhatte, brauchte er keine Waffen.
    In den letzten Wochen hatte er gehungert und fünf Kilo abgenommen, unter seiner Nase wuchs ein kratziger Schnurrbart und die vormals aschblonden Haare klebten dunkelbraun und glänzend an seinem Schädel. Nicht den Sicherheitsleuten galt das Versteckspiel, die kamen von auswärts und hatten keinen blassen Schimmer von seiner wahren Identität. Aber einigen der Hotelangestellten war er sicher schon mal auf der Straße begegnet. Als freundlicher Polizist, stets bereit, Auskünfte und Ratschläge zu erteilen und für Ruhe und Ordnung zu sorgen, soweit das auf Norderney überhaupt nötig war. Eine sprechende Uniform, bei der man Hilfe suchen oder sich über die Idiotie der anderen beklagen konnte. Dass in der Uniform ein Mensch mit Gefühlen steckte, interessierte niemanden.

    Die Arbeitskleidung des Kellners passte ihm wie angegossen. Vor dem Spiegel kontrollierte er den Sitz der Fliege und wischte ein paar Flusen von den Ärmeln. Dann stieg er in den Kühlkeller hinab und holte das, was er brauchte, aus dem markierten Fach. Früher als erwartet hatte sich eine günstige Gelegenheit ergeben. Jetzt durfte er nicht zögern. Doch Zweifel gehörten ohnehin nicht zu seinem neuen Leben.
    Leichtfüßig näherte er sich dem Eingang zum Speisesaal. Seine ganze Erscheinung hatte eine Wandlung durchgemacht. Er ging aufrechter, straffer, voller Energie, die er seinem baufälligen Körper nicht mehr zugetraut hätte.
    Vor dem Speisesaal fing er erstaunte Blicke von anderen Kellnern auf, die sich ihm entgegendrängten. Und dann stand er im Saal. Der Premierminister war die Sonne, um die herum sich konzentrische Kreise von wichtigen und weniger wichtigen Menschen bildeten. Sein bernhardinerhaftes Gesicht wirkte noch griesgrämiger als auf den Fotos, die der Expolizist kannte. Bellend stieß der Premier Kommentare aus, die von seiner Tischgesellschaft mit wohlwollendem Nicken aufgenommen wurden.
    Den Kellner, der ein Tablett auf dem Tisch abstellte, beachtete er nicht mehr als die Tapete an der Wand.

Erster Teil
Der Stich

1
Norderney, Alter Postweg

    Martin Geis kam sich

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