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Für alle Fragen offen

Titel: Für alle Fragen offen
Autoren: Marcel Reich-Ranicki
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1
    Er war nicht unbegabt, der Gentleman aus Stratford
    Fragen zu den ganz Großen, die mich ins Schwärmen geraten lassen

    Was halten Sie von Gustave Flaubert und Madame Bovary?
    Gustave Flaubert war beides – ein Poet und ein Protokollant, ein Romantiker und ein Realist, ein Visionär und ein Berichterstatter, stets leidenschaftlich und pedantisch zugleich. Er war Frankreichs sachlichster Dichter und zärtlichster Chronist, wahrscheinlich der neben den Russen Tolstoi und Dostojewski größte Prosaschriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts. Sein Hauptwerk, der Roman Madame Bovary , hat längst die Grenzen gesprengt: Er wurde in alle Sprachen der zivilisierten Welt übersetzt, man hat ihn mehrfach verfilmt und auch vertont und für die Bühne bearbeitet. Und natürlich wurde er zahllose Male kommentiert.
    Woran geht eigentlich Emma Bovary, deren Geschichte Flaubert erzählt, zugrunde? An der unglücklichen Ehe mit einem biederen und langweiligen Landarzt? An ihrer bornierten, kleinbürgerlichen Umgebung? An der Monotonie des Alltags in einem französischen Provinznest? An dem Konflikt zwischen Traum und Leben, zwischen Phantasie und Realität, also an der Scheinwelt, in der sie Zuflucht
sucht? Sind es die überspannten Wünsche und die romantischen Vorstellungen, die ihr zum Verhängnis werden? Oder scheitert sie an der Liebe, genauer: an der Sehnsucht nach Liebe?
    So viele Fragen es auch sind, die der Roman aufwirft – die Zahl der Antworten ist ungleich größer. Denn jeder Leser versteht diese Geschichte auf seine Weise. Millionen haben sich in ihr wiedergefunden – vielleicht deshalb, weil wir hier von einem Menschen hören, dem kein Preis zu hoch war, um zu leben, statt zu vegetieren.
    Es gibt nicht viele Romane, von denen man sagen kann: Wer sie nicht gelesen hat, sollte wissen, dass er keine Ahnung hat, was die Weltliteratur leisten kann. Madame Bovary ist ein solcher Roman.

    Welche Stellung nimmt Ihrer Meinung nach Vladimir Nabokov in der Literatur ein, und welches ist sein bedeutendster Roman?
    Ich bewundere, ich liebe den Russen Vladimir Nabokov, der 1899 in Sankt Petersburg geboren wurde, in England studierte, dann einige Jahre in Berlin lebte, sich 1940 in den Vereinigten Staaten niederließ und die letzten Jahre seines Lebens in Montreux verbrachte, wo er 1977 verstarb.
    Er schrieb zunächst in russischer, dann in englischer Sprache. Keiner Schule, keiner Richtung und keiner Gruppe zugehörig, war und ist er einer der größten amerikanischen Schriftsteller seiner Epoche und einer der originellsten Außenseiter der Weltliteratur.
    Seine Figuren charakterisiert Nabokov zurückhaltend und dennoch deutlich. Er ist zu diskret, um die leidenden Menschen, die er auftreten lässt, in ein rücksichtslos helles Licht zu tauchen: Er gönnt ihnen das barmherzige Halbdunkel.
    In Maschenka , seinem ersten Roman aus dem Jahre 1926, erinnert sich ein reifer Mann an eine weit zurückliegende Liebesgeschichte,
als er und seine Freundin so jung waren wie Romeo und Julia, also Halbwüchsige. Sie suchen sich gegenseitig, und sie meiden sich gegenseitig. Sie gehen spazieren, sie unterhalten sich über dies und j enes. Er streichelt sie, er küsst sie, er knöpft ihr die Bluse auf. Sie führen stundenlange Telefongespräche.
    Dann liegen sie irgendwo in einem Petersburger Park auf dem Boden, und sie sagt ihm einen Satz, den sie wohl in einem Roman gelesen hat: »Ich bin dein, tu mit mir, was du willst.« Jetzt, da endlich der ersehnte Augenblick gekommen ist, da versagt er, da muss er sie enttäuschen. Eine sehr banale Geschichte, und doch: eine herrliche Geschichte.
    Manche unserer Erzähler meinen, es komme, wenn man eine erotische Beziehung zeigen möchte, vor allem darauf an zu schildern, wie sich zwei Menschen miteinander beschäftigen – im Bett oder vielleicht unter den Linden auf der Heide. Aber ungleich schwerer und vielleicht auch ergiebiger ist es, die erotische Spannung zwischen zwei Individuen erkennbar zu machen, die sich, beispielsweise, am Kaffeehaustisch gegenübersitzen oder in der Straßenbahn.

    Nabokov ist einer der größten Erotiker des zwanzigsten Jahrhunderts nicht etwa deshalb, weil er sexuelle Vorgänge glänzend beschreiben kann, sondern weil er uns alle Schattierungen und Grade der Zuneigung eines Menschen zu einem anderen sehen und spüren lässt und natürlich auch alle des sexuellen Interesses an einer anderen Person.
    Auf der Diskussion über Lolita lastete ziemlich lange die Frage, ob

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