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Friesenkinder

Friesenkinder

Titel: Friesenkinder
Autoren: Sandra Duenschede
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1.
     
    »Es geht los.« Marlene rüttelte Tom heftig am Arm. Der war sofort hellwach. Bereits seit mehreren Tagen waren die beiden in Alarmbereitschaft. Immerhin war der eigentliche Termin schon seit einer Woche überschritten. Tom sprang aus dem Bett und dabei beinahe gleichzeitig in seine Jeans, die direkt davor lag. Nur zwei Minuten und er war fertig. Marlene stand, bereits angezogen, mit der kleinen Reisetasche in der Hand in der Schlafzimmertür. Sie wirkte, im Gegensatz zu Tom, wesentlich entspannter. Erstaunlich, wenn man bedachte, was ihr bevorstand. Tom nahm ihr die Tasche ab und hechtete die Treppe hinunter. »Meinst du denn, wir schaffen es noch nach Husum?« Ihm wurde speiübel bei dem Gedanken daran, sie könnten nicht rechtzeitig in Husum sein. Und Marlenes »Ich hoffe doch« beruhigte ihn keineswegs. Er stellte die Tasche auf die Rücksitzbank, half ihr auf den Beifahrersitz und rannte um das Fahrzeug herum, um hinter dem Steuer Platz zu nehmen. Kaum saß er hinter dem Lenkrad, gab er auch schon Gas. Zum Glück waren um diese Uhrzeit so gut wie keine anderen Autos auf der Straße. Mit pochendem Herzen und schweißnassen Händen lenkte Tom den Wagen über die B5 Richtung Husum. Aus dem Augenwinkel sah er, wie sich Marlenes Gesicht vor Schmerzen mehr und mehr verzerrte, und trat noch kräftiger aufs Gas. Was, wenn sie es nicht schafften? Nur das nicht, flehte er innerlich. Was sollte er tun? Alles, was er in dem vorbereitenden Kurs gelernt hatte, schien wie weggeblasen. Ein Blackout. Er konnte sich nicht einmal mehr an das Gesicht der Hebamme erinnern, die ihnen die Maßnahmen erklärt hatte. Panik ergriff ihn. Er versuchte, Marlenes Stöhnen zu ignorieren, und gab einfach nur Gas.
    Knapp eine halbe Stunde später erreichten sie die Husumer Klinik. Obwohl das für diese Strecke eine enorm gute Zeit war, erschien Tom die Fahrt wie eine Ewigkeit. Kopflos stürzte er in die Aufnahme. »Meine Frau bekommt ein Kind! Wir brauchen Hilfe!« Die ältere Schwester hinter dem Tresen grinste. Sie erlebte solch einen aufgescheuchten angehenden Vater wohl nicht das erste Mal. Langsam legte sie die Zeitschrift, in der sie gerade geblättert hatte, zur Seite und erhob sich. »Na, dann nehmen Sie sich mal da drüben einen AOK-Chopper und bringen Ihre Frau erst einmal rein. Oder wollen Sie, dass sie ihr Kind da draußen im Stehen bekommt?« Sie deutete mit einem Kopfnicken hinüber zum Eingang. Siedend heiß fiel Tom ein, dass er Marlene total vergessen hatte. Er griff einen der Rollstühle und hastete wieder hinaus. Marlene hatte sich inzwischen selbst aus dem Auto gewälzt und stützte sich an der Beifahrertür ab. Sie lächelte trotz der Schmerzen, als sie Tom derart aufgeregt mit dem Rollstuhl auf sich zurasen sah.
    »Hast du dich nett unterhalten?«, fragte sie, doch Tom nahm ihre spitze Bemerkung nicht wahr. Er packte Marlene am Arm, drückte sie in den Rollstuhl und schob sofort los.
    Marlene wollte ihn noch an die Tasche erinnern, doch da kam bereits die nächste Wehe, stärker als jene zuvor, und sie schrie vor Schmerz auf.
    »Oh Gott, oh Gott«, stammelte Tom, während er den Rollstuhl immer schneller auf den Empfangstresen zuschob. Die Schwester war mittlerweile aufgestanden und verschaffte sich einen Überblick über die Lage. Die Wehen kamen in immer kürzeren Abständen, was für sie allerdings keinen Grund zur Eile bot. Sie drückte Tom die Aufnahmepapiere in die Hand, bedachte Marlene mit einem »Das wird schon, Kindchen« und nahm dann den Telefonhörer in die Hand, um in der gynäkologischen Abteilung anzurufen.
    Das junge Mädchen, das wenig später in der Aufnahme erschien, machte nicht unbedingt einen kompetenten Eindruck. »Meine Kollegin bringt Ihre Frau nun auf Station«, erklärte die Frau vom Tresen, während das Mädchen bereits Marlene in Richtung Aufzug schob.
    Kollegin? Tom runzelte die Stirn. Das war ja wohl ganz offensichtlich eine Auszubildende. Was, wenn sie mit dem Mädchen im Aufzug stecken blieben? Er hatte ohnehin eine Phobie gegen Fahrstühle. Aber die Vorstellung, mit seiner gebärenden Frau und diesem hilflos wirkenden Wesen zusammen während der Geburt in dieser engen Kabine eingesperrt zu sein, schürte zusätzliche Ängste. Schweiß stand ihm auf der Stirn, alles in ihm sträubte sich dagegen, in den Aufzug zu steigen. Doch da schrie Marlene erneut auf, sodass es ihm durch Mark und Bein fuhr. Er sprang in den Aufzug, und kurz darauf schlossen sich die Türen zu dem

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