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Friedhof der Unschuldigen: Roman (German Edition)

Friedhof der Unschuldigen: Roman (German Edition)

Titel: Friedhof der Unschuldigen: Roman (German Edition)
Autoren: Andrew Miller
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    EIN JUNGER MANN , jung, aber nicht blutjung, sitzt irgendwo in einem Vorzimmer, in irgendeinem Flügel im Schloss von Versailles. Er wartet. Er wartet schon lange.
    Im Zimmer brennt kein Kaminfeuer, obwohl man schon die dritte Oktoberwoche schreibt und es so kalt ist wie an Mariä Lichtmess. Seine Beine und sein Rücken sind ganz steif – von der Kälte und der dreitägigen Reise durch die Kälte, zuerst mit Cousin André von Bellême nach Nogent, dann in der Kutsche, die überfüllt war mit derbgesichtigen Menschen in Wintermänteln, Körbe auf dem Schoß und Gepäckstücke unter den Füßen, einige in Begleitung von Hunden, einer mit einem Hahn unter dem Mantel. Dreißig Stunden bis nach Paris und in die Rue aux Ours, wo sie beim Aussteigen auf Pflastersteine und Pferdeäpfel traten und leicht schwankend, auf unsicheren Beinen, vor dem Büro des Postunternehmers standen. Dann heute morgen von dem Quartier aus, das er in der Rue – wie hieß sie gleich? – genommen hatte, in aller Frühe auf einem Mietklepper nach Versailles und hierher, an einem Tag, der vielleicht der wichtigste in seinem Leben ist, vielleicht aber auch zu gar nichts führt.
    Er ist nicht allein im Zimmer. Ihm gegenüber sitzt ein Mann um die Vierzig in einem schmalen Lehnstuhl, den Überrock bis zum Kinn zugeknöpft, die Augen geschlossen, die Hände im Schoß gekreuzt, einen großen und recht alt aussehenden Ring an einem Finger. Ab und zu seufzt er, ist ansonsten jedoch vollkommen still.
    Hinter diesem Schläfer und zu beiden Seiten von ihm erheben sich Spiegel vom Parkett bis zu dem mit Spinnweben überzogenen Stuck der Decke. Der Palast ist voller Spiegel. Es muss, wenn man hier lebt, unmöglich sein, sich nicht hundertmal am Tag selbst zu begegnen, jeder Flur ein Quell von Eitelkeit und Zweifel. Von den Spiegeln vor ihm, deren Glas von Staub getrübt ist (irgendein müßiger Finger hat den knolligen Schwanz eines Mannes und daneben eine Blume, die eine Rose sein könnte, gezeichnet), geht ein grünliches Licht aus, als wäre das ganze Gebäude versunken, untergegangen. Und dort ist auch, Teil des Wracks, seine eigene braungewandete Gestalt zu sehen, das Gesicht in dem fleckigen Glas nicht hinreichend deutlich, um sprechend oder charakteristisch zu wirken. Ein blasses Oval auf einem abgeknickten Körper, einem Körper in einem braunen Anzug, der Anzug ein Geschenk seines Vaters, das Tuch zugeschnitten von Gontaud, der, wie die Leute gern sagen, der beste Schneider von Bellême, in Wahrheit aber nur der einzige ist, denn Bellême ist ein Städtchen von der Art, wo ein guter Anzug zusammen mit den Wertgegenständen eines Mannes – Bettwärmer aus Messing, Pflug und Egge, Sattel- und Zaumzeug – vererbt wird. Er sitzt an den Schultern etwas eng, fällt an den Schößen etwas weit, ist an den Ärmelaufschlägen etwas wuchtig, insgesamt aber solide gefertigt und in seiner Art vollkommen korrekt.
    Er streicht über seine Schenkel, die Knochen seiner Knie, dann beugt er sich zu seinem linken Knöchel hinunter, um etwas von seinem Strumpf zu rubbeln. Er hat darauf geachtet, die Strümpfe so sauber wie möglich zu halten, aber in was kann man nicht alles hineintreten, wenn man im Dunkeln aufbricht und sich zu einer Stunde, wo noch keine Lampen brennen, durch Straßen bewegt, die man nicht kennt? Er kratzt mit dem Daumennagel daran. Matsch? Hoffentlich. Er schnuppert nicht an seinem Daumen, um sich zu vergewissern.
    Ein kleiner Hund hat seinen Auftritt. Seine Krallen finden auf dem Boden keinen Halt. Aus großen, verschleierten Augen sieht der Hund ihn kurz an, dann geht er zu der Vase, der hohen, vergoldeten Amphore, die in einem der verspiegelten Winkel des Zimmers zur Schau gestellt wird oder vergessen worden ist. Er schnuppert daran, hebt das Bein. Vom Flur aus lockt ihn eine Stimme – die einer schon etwas älteren Frau. Ein Schatten geht an der offenen Tür vorbei; das Geräusch über den Boden streichender, seidener Säume klingt wie einsetzender Regen. Der Hund trippelt hinter ihr her, sein Wasser schlängelt sich von der Vase auf die übereinandergeschlagenen Beine des Schlafenden zu. Der jüngere Mann betrachtet es, wie es über die unebene Parkettfläche navigiert, wie selbst Hundepisse den unveränderlichen physikalischen Gesetzmäßigkeiten unterliegt …
    Während er es noch betrachtet (an diesem Tag, der vielleicht der wichtigste in seinem Leben ist oder zu gar nichts führt), öffnet sich die Tür zum Büro des Ministers

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