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Frederikes Hoellenfahrt

Frederikes Hoellenfahrt

Titel: Frederikes Hoellenfahrt
Autoren: Henner Kotte
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war kein Gag zum Junggesellenabschied oder Schuljahresende. Die Gäste wussten das jetzt auch. Kein Laut, kein Räuspern. Nur der Kühlschrank kühlte so laut, als würde der Polarsturm darin toben und seine Kälte in den Gastraum blasen. Superman schritt auf seinen Kompagnon zu. Die Masken sahen brutal wie im Film aus. Und sie gingen brutal vor. Die Masken hielten ihre Pistolen im Anschlag und nahmen reihum jeden Gast einzeln ins Visier. Offensichtlich hatten sie nichts mehr zu verlieren. Eine falsche Bewegung und diese Typen würden auch töten.
    »Ruhe, und es geschieht keinem was!«
    Frederike hoffte, dass das wirklich so sei. Sie wischte sich mit den Händen über die Hüfte. Der Bierhahn lief noch immer.
    Sie drehte ihn ab. Catwoman richtete die Pistole sofort wieder auf sie. Unter dem Tresen krallte sich Isabell in ihr Bein. Frederike versuchte zu lächeln.
    »Keine Bewegung! Verstehst du mich nicht?«
    Frederike hob beide Hände. Isabell umschlang jetzt das Bierfass. In diesem Moment schob der Koch einen Teller durch seine Luke. »Einmal Ofenkartoffel mit Würzfleisch!«
    Supermans zweiter Schuss bohrte sich ins Holz der Essensausgabe. Frederike ging hinter der Säule neben der Theke in Deckung. Der Koch ließ schnell das Fenster herabfallen. Frederike sah seinen Schatten durchs Glas. Ihr Koch würde den Waschsalon durch den Hinterausgang verlassen. Sie nicht.
    Catwoman griff nach dem vergessenen Bierglas unter dem Zapfhahn und trank. Seine echten Lippen waren unter der roten Farbe blutlos. Sie wurden aufeinandergepresst. Frederike sah einen Pickel im linken Mundwinkel. Der Mann unter der Maske leckte darüber und war nun sichtbar in Panik. Die Rufe vorm Fenster wurden lauter. Frederike hatte Angst, dass die Scheiben eingedrückt würden. Es würde dann ein Blutbad geben. Sie schüttelte leicht ihren Kopf. Kein Mensch verstand diese Geste.
    Catwoman wischte sich mit der Hand über den Mund und schüttelte sie. Die Tropfen um seine Augen waren kein Bier, das war Schweiß. In Brauen und Wimpern hingen die Perlen. Die Augenfarbe war eisblau wie bei einem Husky. Die Pupillen schienen Frederike nicht rund. Catwoman schob das Bierglas Superman zu und nahm seine Schussposition wieder ein.
    Superman hatte keine angemalten Lippen, auch war seine Maske weniger glänzend. Ein blasses Schwarzgrau, wie bei fünfzig Mal gewaschenen T-Shirts. Superman trank das Glas aus und schob es über den Tresen. Frederike wusste nicht, ob das eine Aufforderung zum Nachfüllen war. Sie starrte die beiden Masken nur an. Catwoman war eindeutig ein Mann. Superman war schmächtiger, sein Atem ging schneller. Er fuhr sich mehrmals mit dem Arm über die Augen. Das waren keine Profis. Diese Aktion war nicht geplant. Was sollte sie überhaupt?
    »Verstecken ist nicht! Wir wollen euch sehn!«
    Catwoman holte den Opa wieder unter dem Tisch hervor. Seine Urenkelinnen saßen gedrängt auf der gepolsterten Sitzbank und hielten sich an den Händen. Superman fixierte den restlichen Gastraum über Kimme und Korn. Die nicht mal zwanzig Personen saßen wie Wachsfiguren an den Tischen. Sie wagten kaum zu atmen. Einige hatten ihre Hände gefaltet. Vielleicht beteten sie. Frederike wollte nicht daran denken, was noch passieren könnte. Sie wusste, Kain war im Keller. Kain würde kommen und diesem Spuk ein Ende bereiten. Kain kannte sich aus. Kain wusste Rat. Frederike war sich gewiss, der Alptraum würde vorbei sein, bevor er richtig begann. Kain würde sie retten. Alle würde er retten. Kain war Polizist. Zumindest gewesen. Sicher, Kain hatte niemals Dienst bei der GSG 9 oder dem Sondereinsatzkommando getan, die für solche Situationen trainierten. Aber Lehrgänge zum Verhalten unter akuter Bedrohung, die hatte sogar Bruno besucht. Ruhe bewahren. Gewähren lassen. Deeskalationsstrategien waren gefragt. Catwoman und Superman hielten ihre Finger am Abzug. Die tickten gleich aus. Kain musste mit ihnen reden. Er kannte die richtigen Worte. Wo blieb er denn? Was machte er nur so lange auf der Toilette? Das dauerte keine Stunden. Der tauschte im Keller wohl ganze Becken aus und verlegte die Rohre neu. Sie hätte längst das Papier gewechselt und über alle Fliesen gewischt. Aber Kain? Der war doch mindestens zehn Minuten schon unten. Kain musste gleich kommen und ihr und all ihren Gästen das Leben hier retten. Die Masken waren irr, die waren durchgeknallt, die handelten ohne Sinn und Verstand. Sie sah den Finger am Abzug sich krümmen. Frederike

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