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Frederikes Hoellenfahrt

Frederikes Hoellenfahrt

Titel: Frederikes Hoellenfahrt
Autoren: Henner Kotte
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der Kahn so auf dem Wasser?
    Bruno musste erklären, dass Friedrich Wilhelm zu Pferde ein reines Museumsstück war. Brunos Vater hatte Modellschiffe gebaut, weil ihn Technik und Geschichte faszinierten, nicht um damit Wasserrennsport zu betreiben. Jonas Diepholz aber hatte sein Thema gefunden und nagelte Bruno drauf fest. Aber Modellboote baust du auch? Wie groß werden die denn? Kannst du mir einmal eins zeigen? Wie schwer dürfen sie sein? Welchen Motor dürfen sie haben? Bertram Diepholz hatte längst Bruno Ehrlichers Häuschen verlassen, als der Kommissar a. D. noch immer mit dem Jungen diskutierte. Am Ende hatte ihn Jonas nicht wirklich dazu überreden müssen. Bruno Ehrlicher hatte sich immer vorgestellt, mit seinen Enkeln im Keller zu basteln. Automobile. Boote. Flugzeuge. Roller. Aber sein Sohn Tommi hatte keine Kinder. Jetzt stand Jonas Diepholz mit großen Augen vor ihm. Und der fragte ihn gar nicht, er setzte seine Mitarbeit einfach voraus. Denn Jonas erzählte, dass es lang schon sein Wunsch war, Modellboote zu bauen, vor allem selber zu steuern. Oft hatte Jonas an den gefluteten Seen der Tagebaulandschaft gestanden und Modellbootwettkämpfen zugesehen. Sein Vater war nur zweimal dabei gewesen, Jonas’ Bruder öfter. Und jetzt hatte der Junge in Bruno Ehrlicher die Chance erkannt, endlich selbst einmal daran teilzunehmen. Sie mussten nur ein Boot konstruieren. Sie mussten sich nur anmelden. Sie mussten nur bauen. Bruno sagte: Ja.
    Heute hatte Jonas geweint, sein Traum war zerstört. Bruno musste ihm ein neues Boot bauen. Er blätterte in der Bauanleitung. Bruno nahm Bleistift und Zirkel und zeichnete nach Bauplan die Rumpfaußenkanten und die Position der Spanten auf Transparentpapier. Danach würde er die Linien aufs Holz übertragen, an ihnen entlang musste er sägen.
    Da können sie mich gleich umbringen! Wer zerstörte einem Zehnjährigen so seinen Traum? Bruno fand keinen Grund. Aber warum besprühte man Häuser, kippte Papierkörbe um, zerkratzte die Scheiben des ÖPNV? Bruno hatte den Eindruck, dass die Arbeit anderer stets weniger zählte.
    Bruno Ehrlicher legte das Kurvenlineal zur Seite und griff nach der Säge. Drei der Schichten könnte er heute noch schaffen. Er schaffte sie nicht. Die Säge fraß sich nicht ins Holz des Bootes, sie fraß sich in die Kuppe seines Daumens. Bruno fluchte. Sein Blut betropfte Bauplan, Werktisch und Holz. Er fand keinen Lappen, um das Blut zu stillen. Er stapfte mit Wut die Treppe nach oben ins Bad. Er drückte ein Handtuch auf die Wunde und suchte nach Pflaster. Es riss nicht zwischen seinen Zähnen.
    »Verdammt noch mal!«
    Das Telefon läutete. Nicht nur die späte Stunde ließ Bruno nicht reagieren. Wahrscheinlich war es Tommi, der seinen Laden jetzt schloss. Oder es war Frederike. Das Klingeln hörte nicht auf. Mit dem Daumen im Handtuch nahm Bruno ab.
    Es war weder Frederike noch Tommi, es war seine Nachfolgerin im Chefsessel der I. Leipziger Mordkommission Agnes R. Schabowski. Er konnte nicht fassen, was sie ihm erzählte. Sie bat ihn, Ruhe zu bewahren. Bruno Ehrlicher stand unter Schock und legte den Hörer langsam auf die Gabel zurück. Das Handtuch war ihm verrutscht, sein Blut tropfte auf Telefontisch und Teppich.
    »Ich komme! Ich komme sofort!«
    Genau das hatte sich Agnes Schabowski verbeten.

22:05
     
    »Bei Ihnen stinkt’s!«
    Frederike hielt im Zapfen inne und lächelte freundlich.
    »Nicht auszuhalten, als würde man im Urin baden.« Der alte Mann schüttelte sich demonstrativ, damit sie seinen Ekel auch glaubte.
    Es ist ein Klo, und Klos können riechen, war Frederike versucht zu sagen, aber sie schwieg und nickte. Eine Wirtin hält ihre Gäste bei Laune und nimmt die Kritik jedes Kunden gern an, und sei sie noch so absurd. Der Herr mit dem Geruchsproblem war weit über siebzig, hatte die Haare gefärbt und offenkundig zu viel Rasierwasser aufgelegt. Er saß mit drei Frauen am Tisch, die ihre Jugendweihe gerade hinter sich hatten. Jedenfalls benahmen sich die Girlies so und himmelten ihren Begleiter an. Dieser Opa würde ihre Rechnung bezahlen, da fand man jeden Scherz lustig.
    Der Greis schlenderte leichten Fußes seiner Mädchenrunde zu. Wahrscheinlich erklärte er jetzt, wie er es dem Personal mal so richtig gegeben hatte. Frederike sah sich nach Kain um. Kain kassierte gerade die große Runde am Tisch vor dem Fenster. Frederike hatte gehofft, dass diese sich festsetzen würde und Umsatz machte. Aber die Gäste hatten wohl Besseres vor:

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