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Frederikes Hoellenfahrt

Frederikes Hoellenfahrt

Titel: Frederikes Hoellenfahrt
Autoren: Henner Kotte
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Keller fand Bruno noch Holz, das vom ersten Modellbau übrig geblieben war. Er nahm es in die Hand und bemühte sich, den maßstabsgetreuen Spantenriss in der Anleitung wiederzufinden.
    »Die haben das absichtlich zerstört. Meinem Bruder hat es sowieso nie gefallen, dass ich mit dir dieses Boot baue. Die sind so blöd!«
    Ehrlicher konnte sich Jonas’ Bruder als Täter nicht vorstellen. Aber auch er war sich sicher, dass mutwillige Zerstörung vorlag. So wie die Reste der fischverarbeitenden Flotte nun aussahen, hatte einer absichtlich auf ihrem Schiff herumgetreten oder sogar einen Hammer zur Hand genommen. Die Bruchstellen und geknickten Masten konnten nicht aufgrund eines Falls vom Tisch oder Regal entstanden sein. Aber wer gönnte Jonas Diepholz nicht die Freude am Bau eines Modellboots? Oder galt der Anschlag gar ihm, dem Kommissar a. D., der endlich eine Beschäftigung gefunden hatte, die nicht nur ihm Freude bereitete?
    Ehrlicher suchte im Anleitungsbuch die richtige Seite. Wenn er jetzt schon in Hektik geriet, war das Vorhaben niemals durchführbar. Aber wenn er sofort jede freie Minute daransetzte, war der Termin nächsten Sonntag vielleicht doch noch zu halten. Da können sie mich gleich umbringen!, hatte er Jonas’ Stimme im Ohr. Das war sicherlich keine ernst gemeinte Selbstmorddrohung von Jonas, aber Bruno wollte es nicht darauf ankommen lassen. Wir werden trotzdem am Rennen teilnehmen. Versprochen! Bruno baute.
    Es war Zufall gewesen, dass Jonas Diepholz und sein Vater vor Brunos Stolz Friedrich Wilhelm zu Pferde in seinem Wohnzimmer gestanden hatten. Sie hatten sich im Supermarkt getroffen, als Bruno für seine zu viel gekaufte Ware an der Kasse noch einen Plastebeutel bezahlen musste. Schönen guten Tag, Herr Ehrlicher, wie bekommen Sie Ihre Einkäufe nach Hause? Wahrscheinlich hatte er mit den Schultern gezuckt. Wie immer würde er laufen, der Weg war nicht weit.
    Natürlich hatte Herr Diepholz Bruno Ehrlicher die Mitfahrgelegenheit angeboten. Er hatte auch in seinen Dienstjahren das Fahren dem Laufen vorgezogen. Bruno hatte gelächelt und war sich sehr alt vorgekommen. Danke, gern nehme ich Ihr Angebot an. Vierzigjährigen brachte man nicht den Einkauf nach Hause. Ihm schon. Er wurde alt. Er war alt. Als Dank für die Mitfahrt hatte Bruno Herrn Diepholz einen Kaffee und dem Jungen eine Limo angeboten.
    So standen Jonas und sein Vater in seinem Wohnzimmer und bewunderten Friedrich Wilhelm zu Pferde. Das Schiff stand prunkvoll im Regal über dem Fernseher.
    »Friedrich Wilhelm zu Pferde. Komischer Name.«
    »Nicht nur Schiffe haben manchmal komische Namen. Aber bei Schiffen sind sie besonders häufig.«
    Bruno erinnerte sich der kleinen Motorboote auf den Gewässern um Leipzig: Moosmuzel I, Canaria Bluebird, König Kurt. Friedrich Wilhelm zu Pferde war als Name ungewöhnlich. Zugegeben. Es war ein Kriegsschiff aus dem 17. Jahrhundert und gehörte zur Flotte des kurbrandenburgischen Fürsten. Dreiundfünfzig Meter in der Länge. Zweihundert Mann Besatzung. Vierundfünfzig Kanonen. Auch das Modell seines Vaters hatte beeindruckende Maße: Ein Meter hoch, hundertzwanzig Zentimeter lang und dreiundvierzig Zentimeter breit. Bruno hatte das Regal für die Fregatte extra anfertigen lassen. Bei seiner Mutter hatte sie im Schlafzimmer gestanden. Viel mehr war ihr vom Gatten nicht geblieben. Gottlieb Ehrlicher war im Zweiten Weltkrieg den Heldentod für Deutschland gestorben, Mutter und Sohn hatten den Angriff auf Dresden überlebt und waren auf Trecks bis hinter die tschechische Grenze nach Teplitz geflohen. Ihre Wohnung war ausgebombt, als sie zurückkamen. Friedrich Wilhelm zu Pferde hatte im Keller den Bombenhagel überstanden wie ein paar Bücher in Kisten. Bruno hatte sie später aus dem Trümmerschutt gegraben. Das Schiff war das Einzige, das ihn an seinen Vater erinnern konnte. Friedrich Wilhelm zu Pferde.
    Jonas Diepholz und sein Vater waren sofort fasziniert von dem Schiff und seiner Geschichte. Gottlieb Ehrlicher hatte es in langen Jahren gebaut. Fast augenblicklich bat Jonas seinen Vater: Baust du mir auch so ein Schiff? Bertram Diepholz hatte wahrscheinlich spätestens jetzt bereut, Bruno Ehrlicher aus dem Supermarkt mitgenommen zu haben. Der Vater bemühte alle Ausreden wie wenig Zeit, Beruf und andere mögliche Hemmnisse, die solch einen Bau verhindern würden. Sorry. Es tut mir leid, mein Kind, sehr leid. Jonas schien die Argumente seines Vaters zu kennen und fragte Bruno: Wie viel macht denn

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