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Frederica - sTdH 6

Frederica - sTdH 6

Titel: Frederica - sTdH 6
Autoren: Frederica - sTdH 6
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Erstes
Kapitel
    »Liebe
Minerva«, schrieb
Frederica Armitage. »Wenn Du diesen Brief erhältst, bin ich schon weit weg in
einem anderen Land.«
    Frederica
war an sich schüchtern, ängstlich und unauffällig. Aber familiäre Umstände
hatten bei dem grauen Mäuschen eine Änderung bewirkt.
    Sie hatte
beschlossen, aus dem Seminar für Höhere Töchter, in dem sie ein ruhiges Jahr
verbracht und all die langweiligen Dinge gelernt hatte, die man für eine junge
Dame der Gesellschaft für notwendig erachtet, wegzulaufen.
    Der Tod
ihrer Mutter war ein schwerer Schlag für sie gewesen, aber fast genauso schwer
hatte sie getroffen, was ihr Vater, Hochwürden Charles Armitage, der Pfarrer
der Gemeinde St. Charles und St. Jude, ihr angetan hatte. Er hatte ihr fröhlich
angekündigt, daß er die Absicht habe, wieder zu heiraten. Fredericas neue
›Mama‹ sollte das junge Pfarrhausmädchen Sarah Millet sein – Sarah mit
ihrer koketten, überheblichen Art, Sarah, die so überaus vulgär war.
    Wäre
Frederica so schön gewesen wie ihre fünf Schwestern, die berühmten
Armitage-Mädchen, hätte sie ihr Los vielleicht mit mehr Gleichmut getragen, da
sie ja gewußt hätte, daß sie nach ihrer ersten Saison in die Ehe fliehen
konnte. Aber Frederica war die jüngste und bedauerlich unscheinbar. Sie war
nicht die Schönheit geworden, die sie einst zu werden versprach. Ihre schwarzen
Locken hatten sich in Strähnen von undefinierbarer Farbe verwandelt. Und auch
ihre Augen schienen überhaupt keine Farbe zu haben. Manchmal sahen sie blau
aus, manchmal grün, manchmal grau, aber meistens – ganz einfach farblos.
    Frederica
war sehr klein für ihre siebzehn Jahre, nur etwas über ein Meter fünfzig groß.
Ihre Figur war zierlich und ihre Fesseln zart, aber ihr Busen war ebenfalls
enttäuschend klein.
    Ihre
Schwestern hatten alle blendende Partien gemacht; Minerva, die Älteste, hatte
Lord Sylvester Comfrey geheiratet. Nach ihr hatte Annabelle den Marquis von
Brabington geheiratet; danach Carina Lord Harry Desire; Daphne den reichen Mr.
Garfield; und vor einem Monat hatte Diana Lord Mark Dantrey geheiratet.
    Frederica
bedrückte die Vorstellung von einer Saison in London. Der Gedanke, daß sie als
Mauerblümchen in heißen Ballsälen herumsaß, verursachte ihr Alpträume.
    Aber mehr
als alles andere fürchtete sie die Vorstellung, Sarah Millet als Stiefmutter zu
haben. Fredericas Aufenthalt im Seminar sollte in einem Monat enden. Ihr Vater
hatte ihr geschrieben, daß Sarah dann kommen würde, um sie abzuholen. Was
Frederica so entsetzte, war gar nicht die Tatsache, daß Sarah nur ein
Dienstmädchen war – es war Sarah selbst: Sarah mit dem kecken, unsteten Blick
und dem gackernden Lachen.
    Frederica
hatte traurig beschlossen, daß ihr nichts anderes übrigblieb als zu fliehen.
Von den großzügigen Geschenken, die ihr ihre Schwestern geschickt hatten, hatte
sie etwas Geld gespart. Aber sie wußte natürlich, daß das nicht ewig reichen
konnte. Sie würde sich Arbeit suchen müssen. Es war ihr klar, daß sie viel zu
jung war, um einen Posten als Gouvernante zu finden. Deshalb würde sie als
Dienerin arbeiten müssen.
    Nach
reiflicher Überlegung hatte sie beschlossen, daß nicht der Rang oder die
Position des Dienstboten zählte, sondern der Stand und das Ansehen des
Dienstherrn.
    Der
Haushalt mußte so weit von der Schule entfernt sein, daß niemand sie erkannte,
aber nicht zu weit. Es mußte auch ein Haus mit einer sehr großen Dienerschaft
sein, wo die Wahrscheinlichkeit kleiner war, daß jemand auf sie aufmerksam
wurde, eines von diesen großen Herrenhäusern, die wie kleine Dörfer waren.
    Aus
Unterhaltungen im Seminar hatte sie erfahren, daß der Landsitz des Herzogs von
Pembury etwa zehn Meilen entfernt war. Maria McLellan, eine der Schülerinnen,
war auf dem alljährlich stattfindenden großen Fest des Herzogs mit ihren Eltern
gewesen und hatte erzählt, daß die Dienerschaft so gut gekleidet und genährt
sei wie feine Damen und Herren.
    Aber bevor
man in einem Haushalt eine Anstellung fand, ganz zu schweigen von einem
herzoglichen, brauchte man Referenzen. So war Frederica mit großem Geschick ans
Werk gegangen und hatte zwei gefälscht. Sie schrieb einen Brief, der angeblich
von einer Mrs. Betwynd-Pargeter kam und in dem stand, daß Miß Sarah Millet –
Frederica hielt es für einen Zug feiner Ironie, Sarahs Namen zu benutzen – eine
vorbildlich ordentliche Person sei, die bei ihr als Küchenmädchen angefangen
habe und sich

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