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Fraeulein Jensen und die Liebe

Fraeulein Jensen und die Liebe

Titel: Fraeulein Jensen und die Liebe
Autoren: Anne Hansen
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I
    C H V E R L I E B E M I C H jeden Monat so viele Male, wie ein Zugvogel die Flügel schlägt, um von Europa in die Sahara zu fliegen. Ich lese ein Buch und denke, noch während ich es in den Fingern halte: »Wer das geschrieben hat, muss ein Traummann sein.« Ich höre ein Lied und bin mir sicher, dass der Sänger mein Seelenverwandter ist – auch wenn der Text auf Schwedisch ist und ich nicht die geringste Ahnung habe, wovon überhaupt die Rede ist. Ich bin hoffnungslos romantisch, hoffnungslos enttäuscht, wenn mich jemand nur mit der profanen S-Bahn zu einem Date abholt und nicht auf einem Schimmel, und überall sehe ich Zeichen der ganz, ganz großen Liebe: Wenn der Postbote mir ein Einschreiben in die Hand drückt und dabei aus Versehen meine Finger berührt, wenn mein Nachbar sich von mir Salz leiht und selbst wenn ein türkischer Bauarbeiter mir hinterherpfeift, bringt mich das völlig aus der Fassung. Während ich erhobenen Hauptes an der Baustelle entlangschreite, überlege ich allen Ernstes, wie ich meinen Eltern klarmache, dass ich bald einen anderen Glauben annehmen werde.
    Gestatten: Hannah Jensen, 29 Jahre alt (also beinahe 50) und von Beruf Journalistin. Als ich nach dem Abi mein Heimatdorf Klixbüll bei Klanxbüll (ein Freibad, eine Gastwirtschaft und der wunderbare Bäcker Petersen) in Schleswig-Holstein mit wehenden Fahnen verließ, hatte ich eine ziemlich genaue Vorstellung von dem Beruf, ach was, der Berufung »Journalismus«. Ich würde bei einem – natürlich – erfolgreichen Magazin arbeiten, meine Kollegen wären allesamt jung und gut aussehend und, ganz wichtig: Sie würden eckige Brillen tragen. Mein weißer Apple-Laptop und ich wären eine eingeschworene Gemeinschaft und spannende Reportagen aus aller Welt würden wie von Geisterhand auf dem Bildschirm erscheinen. Und abends, nach Feierabend, nachdem ich mir noch schnell einen Latte macchiato an der hauseigenen Lavazza-Kaffeemaschine, original aus Mailand, gemacht hätte, würde ich mich mit meinen Freundinnen treffen. In atemberaubenden High Heels und großen Sonnenbrillen würden wir in eine angesagte Bar mit Livemusik stolzieren und dabei die Köpfe bei jedem zweiten Schritt lachend in den Nacken werfen.
    What a life!
    Ich packte damals meinen abgewetzten Lederkoffer (das hatte doch Stil) und wollte die Welt erobern. Eigentlich war mir zu dem Zeitpunkt auch schon klar, dass es nur eine Frage der Zeit sein konnte, bis ein Kamerateam meine Eltern aufsuchen würde, um eine Homestory über mich zu drehen.
     
    »Wir schalten nach Klixbüll bei Klanxbüll. Können Sie mich hören? Wie ist Hannah Jensen aufgewachsen?«, fragt die Moderatorin im Studio.
    »Hallo, ja, ich höre. Wir sind in Klixbüll bei Klanxbüll. Gleich werden wir die Eltern von Hannah Jensen kennenlernen. Und, aufgepasst: Wir werden sogar ihr Kinderzimmer sehen. Weitere aufregende Details dieser schillernden Figur direkt nach der Werbung. Bleiben Sie dran. Zurück ins Studio.«
     
    Ich konnte regelrecht die Klappe des Aufnahmeleiters hören, als meine Mutter mich damals zu Gleis 2 (von insgesamt zwei Gleisen des Bahnhofs in Klanxbüll) brachte. Es war im Dezember, es war kalt, wie immer wehte ein starker Westwind. Ich fühlte mich wie Jeanne d’Arc, die auszog, um die Franzosen im Kampf gegen die Engländer anzuführen.
    »Mama«, sagte ich bedeutungsschwer. »Danke für alles.« Sie drückte mich an ihre große Brust und ich stieg ein. Ins neue Leben.
    Man kennt das ja. Manchmal gehen Vorstellung und Realität ein wenig auseinander. Machen wir es kurz: Ich bin der wahr gewordene Gegensatz all meiner Träume. Um die Büromiete zu sparen (dafür könnte man sich jeden Monat komplett neu bei H&M einkleiden), arbeite ich von zu Hause aus. Und da keine schicken Kollegen mit eckigen Brillen um mich herumsitzen (will sagen: Mich sieht den ganzen Tag niemand), trage ich vor allem – irgendwann muss es ja mal raus – meinen Schlafanzug. Alternative Nummer eins: Bademantel. Alternative Nummer zwei: Flanell-Jogginghose und – sogar passend – einen Flanell-Kapuzenpullover. In guten Momenten rede ich mir ein, dass mein Jogginghosen-Dasein am Küchentisch auch etwas enorm Lässiges an sich hat. Sicher gibt es in New York auch eine Freiberuflerin, die so aussieht wie ich. Die dann in der Mittagspause in Jogginghose zum nächsten »Corner« schlurft, um sich dann mit einem großen Pappbecher in der Hand auf den Bordstein zu setzen. Wahrscheinlich würde just in dem Moment ein

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