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Fly Me To The Moon - In seinem Bann 1: Erotischer Liebesroman (German Edition)

Fly Me To The Moon - In seinem Bann 1: Erotischer Liebesroman (German Edition)

Titel: Fly Me To The Moon - In seinem Bann 1: Erotischer Liebesroman (German Edition)
Autoren: Anaïs Goutier
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Kapitel 1

    Es existiert ein unbekanntes Land, voll seltsamer Blumen und zarter Düfte. Ein Land, von dem zu träumen die Freude aller Freuden ist. Ein Land, in dem alle Dinge vollkommen sind und vergiftet.
    (Oscar Wilde)

    Sometimes you get so lonely
    Sometimes you get nowhere
    I've lived all over the world
    I've left every place
    Please be mine
    (David Bowie)

    Wir betrachteten das Objekt, das auf einem niedrigen Podest vor uns lag wie auf einem Seziertisch. Einige der Studierenden gingen um den Tisch herum, beäugten den allansichtigen Gegenstand auch von der Rückseite und den schmalen Seiten. Wenige Neugierige gingen sogar in die Hocke oder beugten sich über das obskure Gebilde, um seine intimen Details auszumachen. Die meisten aber blieben hinter mir zurück, bildeten einen Halbkreis um mich, gespannt auf meine Ausführungen wartend und ich sah in ihren Mienen das Unbehagen und die gleichzeitige Faszination, die dieser verbotene voyeuristische Blick hervorrief, zu dem uns der Künstler mit aller Macht verführte.
    Vor uns lag ein nackter weiblicher Körper mit vier verrenkt gespreizten Beinen, ähnlich einem siamesischen Zwilling, am Bauch zusammengewachsen, ohne Oberkörper und Kopf, dafür mit zwei klaffenden, geröteten Spalten. Die schwarzen flachen Sonntagssandalen und die weißen Söckchen an allen vier Füßen ließen das entblößte, sich windende Geschöpf im Kopf des Betrachters zu einem Mädchen werden, zu einem unschuldigen minderjährigen Mädchen.
    Obwohl ich dieses Werk aus unzähligen Abbildungen kannte und ihm sogar bereits zweimal in anderen Ausstellungen in natura gegenübergestanden hatte, waren meine Empfindungen noch immer ebenso zwiespältig wie die meiner Studierenden. Es schockierte mich jedes Mal aufs Neue, diesen hilflos ausgelieferten Körper vor mir zu sehen, der so schutzbedürftig menschlich wirkte und dabei auf so brutale Weise entmenschlicht.
    »Was Sie hier sehen, ist eine von Hans Bellmers berühmt-berüchtigten Puppen«, begann ich mit belegter Stimme. »Formal handelt es sich um Versatzstücke von hölzernen Schaufensterpuppen aus den 1930er Jahren, zusammengehalten von einer Metallkonstruktion und Gips-Kitt. Zunächst dienten diese und ähnliche Puppen Bellmer lediglich als Modelle für seine Skizzen und Zeichnungen oder er setzte sie wirkungsvoll in Fotografien in Szene. Was wir hier haben, ist also weniger ein eigenständiges skulpturales Kunstwerk, denn eine Requisite, ein kunsthistorisches Artefakt.«
    Nach dieser kurzen formalästhetischen Einführung hätte ich die Frage nach subjektiven Eindrücken und Interpretationsansätzen gern ins Plenum weitergereicht und die Wirkung auf den Betrachter mit den Studierenden diskutiert, doch wie befürchtet, folgte auf meine Aufforderung lediglich betretenes Schweigen.
    »Möchte sich wirklich keiner von Ihnen zu dieser Arbeit äußern?«
    Mein Blick wanderte über die Gruppe, dann gezielt zu denjenigen Seminarteilnehmern, die sich die Chance auf einen Redebeitrag normalerweise nie entgehen ließen.
    »Larissa, Carola, Fabian? Sind Sie wirklich alle so sprachlos vor Entsetzen?«
    Ein schwaches Grinsen, dann der schülerhafte Blick auf die eigenen Schuhspitzen. Selbst zu einer banalen Werkbeschreibung ließ sich keiner bewegen.
    »Also gut. Ich kann verstehen, dass Sie sich mit dieser Arbeit schwertun. Aber ich kann Ihnen versprechen, dass Ihnen in dieser Ausstellung noch einige Werke begegnen werden, die es Ihnen nicht unbedingt leichter machen werden, als die Puppe. Und ich habe nicht vor, Ihnen einen Rundgang mit Frontalunterricht zu servieren. Schließlich haben Sie sich alle wissentlich in einen Seminar über Schock-Strategien in der Kunst eingeschrieben. Das nur als Zuruf und jetzt zu Bellmers Puppe.«
    Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, dass drei Männer den Raum betreten hatten, sich aber vermutlich unseretwegen zunächst den gerahmten Zeichnungen und Druckgrafiken zuwandten, statt mit der prominent in den Raum gesetzten Puppe zu beginnen.
    Dennoch sprach ich eine Nuance leiser, als ich fortfuhr.
    »Um ein Kugelgelenk, die Bauchkugel, sind zwei weibliche Unterleiber mit den dazugehörigen unteren Extremitäten gespiegelt. Obwohl derart fragmentarisiert und verfremdet, dass man sich an Tod Brownings Freaks und Frankensteins Monster erinnert fühlen könnte, wirkt dieser Körper auf beunruhigende Art menschlich und bemitleidenswert. Diese Echtheit und Lebendigkeit verdankt die Puppe der Detailversessenheit ihres Schöpfers.

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