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Flügel aus Asche

Flügel aus Asche

Titel: Flügel aus Asche
Autoren: Kaja Evert
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1
    Krähe
    D er Wind ließ die Glasfenster klirren und drang kalt durch die Mauerritzen. Nur die beiden Kohlebecken rechts und links vom Tisch des Aufsehers spendeten Wärme. Dort saß Kiven, einen Arm auf den Tisch gestützt und das Kinn in die Hand gebettet. Während der letzten halben Stunde hatten sich seine knochigen Finger immer langsamer durch den Aktenstapel geblättert, und nun fielen ihm die Lider zu. Sein grauer Schnurrbart bebte, wenn er langsam und tief ausatmete.
    Adeen nutzte die Gelegenheit, um das Schreibrohr für einen Moment aus der Hand zu legen und sich die Augen zu reiben. Er arbeitete nun schon seit der Morgendämmerung an den Zaubern, und allmählich zitterten ihm vor Erschöpfung die Finger. Doch die Regeln der Akademie sahen nur eine kurze Ruhepause gegen Mittag vor, und die war lange vorbei. Bevor es Abend wurde, musste er noch viele Schriftrollen anfertigen, wenn er sein Pensum für den Tag ableisten und bezahlt werden wollte.
    Rings um ihn waren nur das Knacken der Kohlen in den Feuerbecken und das Kratzen der Federn auf dem Papier zu hören. Die schwarzen und braunen Köpfe der anderen Schreiber waren tief über die Papiere gebeugt. Sie hatten nicht einmal bemerkt, dass der Aufseher döste, so verbissen waren sie in ihre Arbeit vertieft.
    Adeen streckte den Rücken und leistete sich den Luxus, kurz Atem zu holen und seine Gedanken treiben zu lassen. Er dachte an seinen Ziehvater Rasmi und die Rakashwurzeln, die er versprochen hatte ihm mitzubringen. Die meisten kochten Suppe aus den grauen Wurzeln, doch Rasmi nutzte sie, um Farbe daraus zu gewinnen, auch wenn die Gesetze das verboten. Bei der Erinnerung an das runde, stoppelbärtige Gesicht seines Ziehvaters breitete sich Wärme in Adeen aus. Seit Tagen hatte er den alten Mann nicht mehr gesehen, und er sehnte sich nach seinen freundlichen Worten, ja sogar nach dem muffigen Geruch des Kräutertees, den Rasmi kochte.
    Und nach den Bildern. Oh ja, die Bilder anzusehen, würde ihm guttun.
    Adeen seufzte und griff wieder nach dem Schreibrohr. Er durfte nicht noch mehr Zeit verlieren, denn Rakashwurzeln waren teuer, und er wollte Rasmi nicht enttäuschen.
    Ein heftiger Schreck durchfuhr ihn, als er spürte, wie Feuchtigkeit den Ärmel seiner Robe durchtränkte. Ohne nachzudenken, riss er den Arm fort. Auf keinen Fall durfte das kostbare Papier ruiniert werden! Doch es war schon zu spät: Ohne dass er es bemerkt hatte, war er mit dem Zipfel seines Ärmels in das Tintenfass geraten und hatte die schwarze Farbe quer über den Bogen gewischt, an dem er gerade arbeitete. Seine hastige Bewegung hatte alles nur noch schlimmer gemacht. Vor Ärger und Enttäuschung biss er sich auf die Lippen. Jetzt nur nicht fluchen und den Aufseher wecken!
    Eilig streute er eine Handvoll Sand über die feuchte Tinte, damit sie trocknete und sich der Schaden nicht noch weiter ausbreiten konnte, aber es gab keinen Zweifel: Die filigranen Schriftzeichen, die er während der letzten Stunde mit aller Sorgfalt auf das Blatt gemalt hatte, waren zum großen Teil unter Tintenspritzern verschwunden. Adeen konnte die Zeichen zwar ohnehin nicht lesen – keiner der Schreiber konnte das –, aber die Zauber entfalteten ihre Wirkung nur, wenn die Schrift unbeschädigt war. Und dann hatte er auch noch einige der unbeschriebenen Blätter ruiniert! Die würde ihm Kiven vom Lohn abziehen. Er konnte von Glück sagen, dass er nicht auch noch den Folianten bekleckst hatte, der als Vorlage diente.
    Ungeschickte Krähe!
Das pflegte der Aufseher in solchen Fällen zu ihm zu sagen.
Nicht einmal fähig, ein Schreibrohr richtig herum zu halten!
Nun beschimpfte sich Adeen im Stillen selbst. Dabei wusste er, dass er sich auf die Geschicklichkeit seiner Hände gewöhnlich verlassen konnte. Wenn er nur nicht so müde gewesen wäre! In letzter Zeit hatte er zu wenig geschlafen und zu viel geträumt.
    Als Adeen vorsichtig den Sand von dem Bogen herunterpustete, flossen die Tintenkleckse auf dem Papier ineinander und formten sich zu dem Bild eines schwarzen Flügels. In allen Einzelheiten sah er die Schwinge eines Vogels vor sich, bis hin zu den zerzausten, faserigen Rändern der Schwungfedern, ein Kunstwerk aus schwarzer Tinte.
    Er blinzelte, und der Flügel war fort.
    Die Tintenkleckse waren geblieben, das oberste Blatt verdorben. Er musste sofort damit beginnen, den Zauber erneut zu kopieren. Aber als er nach dem Schreibrohr griff, überkam ihn Schwindel und ein Gefühl, als würde er träumen.

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