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Flucht im Mondlicht

Flucht im Mondlicht

Titel: Flucht im Mondlicht
Autoren: N. H. Senzai
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Die Flucht
    Eine perfekte Nacht, um zu fliehen , dachte Fadi, während er durch die gesprungene Rückscheibe zum hellen Mond hinaufschaute. Ihm fiel die erste Zeile des Buches Die heimlichen Museumsgäste ein: »Claudia wusste, dass sie ganz bestimmt nicht auf die altmodische Tour ausreißen konnte.«
    Fadi hatte erst die Hälfte des ersten Kapitels gelesen, deshalb wusste er noch nicht, ob bei Claudia alles klappte wie geplant, aber er hoffte, dass seiner Familie die Flucht gelingen würde. Wenn nicht, würde sie ernste Probleme bekommen.
    Im Schutze der Dunkelheit fuhr das Taxi, in dem er und seine Familie unterwegs waren, um einen zerbombten sowjetischen Panzer herum und verließ die holprige Landstraße. Sie mussten die Kontrollpunkte umgehen, die Männer mit schwarzen Turbanen auf der Hauptverkehrsstraße errichtet hatten. Mit ausgeschalteten Scheinwerfern rumpelte der Wagen über eine felsige Ebene und rüttelte die Insassen durch, dass ihre Zähne aufeinanderschlugen. Fadi presste die Nase gegen die kalte Fensterscheibe und spähte in die trostlose Landschaft hinaus.
    Das Glas spiegelte sein schmales Gesicht und sein widerspenstiges dunkles Haar wider, das unter einer traditionellen perlenbestickten Kappe hervorschaute. Seine Nase war leicht nach links gekrümmt, seit er sie sich einmal gebrochen hatte. Er hielt die Luft an, als der Wagen beinahe gegen einen Baumstumpf prallte, während der Fahrer sich einen Weg durch ein verdörrtes Weizenfeld bahnte. Nach weiteren anderthalb Kilometern erreichten sie die Außenbezirke der Großstadt Dschalalabad im Osten Afghanistans.
    Der Fahrer drosselte die Geschwindigkeit und steuerte den Wagen durch schmale Gassen auf verfallende Ge­bäude zu, die sich in der Ferne erhoben. Sie kamen an ruhigen Wohnvierteln und einem geschlossenen Gemüsemarkt vorbei. Schließlich quietschten die Bremsen und das Taxi hielt vor einer Reihe aufgegebener Lagerhäuser. Die Betonmauern waren von Kugeln und Granatsplittern durchlöchert.
    »Sind wir da?«, fragte Fadis Vater und beugte sich auf dem Beifahrersitz vor.
    »Ja, Habib. Wir sind an der Ecke der Dschalalkot-­Straße und der Turi-Straße«, erwiderte der Fahrer.
    Habib spähte mit zusammengekniffenen Lippen um die Ecke.
    »Als Kind war ich manchmal mit meinem Vater hier, das weiß ich noch«, fügte der Fahrer mit einem tiefen Seufzer hinzu. »Hier wurde über viele Generationen feinstes Papier hergestellt und verkauft.«
    Fadi betrachtete die verlassene Kreuzung und versuchte sich belebte Straßen und Geschäfte voller Regale mit glän­zendem Papier und feilschenden Kunden vorzustellen.
    »Also dann«, sagte Habib. Seine Stimme zitterte kurz. »Gehen wir!«
    »Komm, Fadi, reiß dich los«, flüsterte Noor, Fadis ältere Schwester. Sie drückte die Tür auf und stieg als Erste aus, vorsichtig gefolgt von ihrer Mutter.
    »Geht’s, Safuna?«, fragte Habib seine Frau.
    »Ja«, erwiderte sie mit schwacher Stimme.
    Noor fasste ihre Mutter am Arm und führte sie behutsam zum Straßenrand.
    Fadi stieg als Nächster aus und legte schützend den Arm um seine kleine Schwester Mariam, als sie nach ihm aus dem Wagen kletterte. Im Mondlicht sahen sie einen geschlossenen Teeladen mit einer Markise davor und stellten sich in seinen dunklen Eingang. Noor und Fadis Mutter waren in Burkas eingehüllt, die sich als hellblaue Farbkleckse von den dunkelgrauen Wänden abhoben.
    Fadi warf einen Blick zurück und sah, wie sein Vater dem weißhaarigen Taxifahrer ein Bündel Banknoten hinstreckte, aber der Mann schüttelte den Kopf. Nach einer leisen, aber hitzigen Debatte steckte er das Geld schließlich ein und öffnete den Kofferraum, damit Habib ihre wenigen Habseligkeiten herausholen konnte. Fadi betrachtete die beiden abgestoßenen Koffer. Das meiste, was seine Familie besessen hatte – die dicken Teppiche, den Farbfernseher und den Videorekorder, Radios, Schmuck, feines Porzellan, Spielzeug, Kleidung und sogar die geliebten Bücher seiner Mutter –, hatte sie auf dem Schwarzmarkt verkauft oder zur Bestechung von Beamten verwen­det, um die nötigen Papiere und Pässe zu erhalten.
    » Salam alaikum und viel Glück, Habib«, flüsterte der Fahrer. Sein Blick schweifte nervös über die verlassene staubige Straße.
    » Walaikum Salam , Professor Sahib. Und vielen Dank, dass Sie Ihr Leben riskierten, um uns hierher zu bringen«, erwiderte Fadis Vater mit einem grimmigen Lächeln.
    »Das konnte ich mir nicht nehmen lassen«, erwiderte der Fahrer.

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