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Flucht aus Oxford

Titel: Flucht aus Oxford
Autoren: Veronica Stallwood
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1
    Das Dorf Gatt’s Hill schmiegt sich an einen Hügelrücken oberhalb des Thame-Tals. Beim Flüsschen Thame handelt es sich um einen eher bescheidenen Vertreter seiner Gattung. Selbst im Februar, wenn die Flutungswiesen unter Wasser stehen und die Autos an der alten Steinbrücke durch tiefe Pfützen fahren, macht es einen recht friedlichen Eindruck. Murmelnd windet es sich durch sein steiniges Bett; ein plätschernder Zeuge der unspektakulären Tragödien und Triumphe in den Dörfern und Weilern an seinem Weg.
    Manchmal spaziert Kate Ivory zur Brücke hinunter, lehnt sich über die bemooste Steinmauer und starrt in das gluckernde braune Wasser hinunter. Wenn sie nur lange genug schaut – wer weiß, vielleicht wäre das Flüsschen in der Lage, ihren Kummer mitzunehmen, ihn weit fort hinaus ins Meer zu schwemmen und ihn auf Nimmerwiedersehen versinken zu lassen. Doch an diesem Tag wagt sie sich nicht einmal so weit vor die Tür. Das Wetter ist grau und der Himmel wolkenverhangen. Sie bleibt am Gartentor von Crossways Cottage stehen und betrachtet die Aussicht.
    Ein älterer Dorfbewohner, dem ein griesgrämig dreinblickender Hund mit grauer Schnauze folgt, schlurft vorüber.
    »Hallo«, grüßt Kate freundlich. »Heute sieht es nach Regen aus, nicht wahr?«
    Der Mann wirft ihr einen flüchtigen Blick zu und wendet den Kopf sofort wieder ab. Dabei brummt er etwas, was sich wie »Mnerf« anhört und möglicherweise Kates Intelligenz infrage stellen soll.
    Der Hügelrücken, auf dem sich Gatt’s Hill ausbreitet, ist nicht sehr hoch; mehr als hundertfünfzig Meter über dem Meeresspiegel hat er nicht zu bieten. Dennoch ist er hoch genug, um einigen besonders glücklichen Dorfbewohnern einen unverstellten Blick auf die knapp fünfzig Kilometer entfernten Chilterns zu gewähren. An diesem Septembertag liegen die fernen Berge hinter einem Schleier aus bläulichem Dunst. Links vom Dorfzentrum erkennt Kate den behäbigen normannischen Kirchturm, der gerade jetzt von einem zwischen dunklen Wolken hervordringenden Sonnenstrahl kunstvoll illuminiert wird. Mehr zur Rechten, hinter einer Gruppe zerfledderter Pappeln, erheben sich einige kleine Hügel; jeder wird von einem Dickicht aus Bäumen gekrönt, das aus der Entfernung an Brokkoliröschen erinnert. Über die Landschaft ziehen sich Hochleitungsdrähte, die sich an einem Punkt zu treffen scheinen; der Punkt markiert den Standort des Kraftwerks von Didcot, über dem eine weiße Wasserdampfwolke hängt.
     
    Kate Ivory atmete die frische Landluft ein, deren unverkennbarer Güllegeruch sie in der Nase kitzelte, und lauschte der friedlich bäuerlichen Ruhe von Gatt’s Hill. Irgendwo in der Ferne fuhr ein Mähdrescher durch ein Weizenfeld. Über ihren Kopf brummte ein kleines Flugzeug hinweg, gefolgt vom lauteren Knattern eines Hubschraubers. Ein paar Kinder stürmten auf den Spielplatz gegenüber von Kates Cottage und begannen, sich an den Schaukeln lautstark zu streiten. Ein gelber Möbelwagen zuckelte den Hügel hinunter auf den Nachbarweiler zu. In Gegenrichtung erklomm ein Moped denselben Hügel und verschwand lärmend in der einzigen Straße des Dorfs. Niemand schenkte Kate auch nur die geringste Beachtung.
    Genau was ich jetzt brauche, dachte sie: Frieden, Ruhe und die Möglichkeit, mich von den Schrecken der vergangenen Monate zu erholen. Oxford lag verborgen hinter dem Hügel in ihrem Rücken. Selbst wenn sie bis zum Ende des Gartens ginge, sich über das Gatter beugte und den Hals reckte, würde sie die Stadt nicht sehen können. Aus den Augen, aus dem Sinn – so hoffte sie zumindest.
    Nach der Tragödie hatte ihre Freundin Callie vorgeschlagen, dass Kate ihrem Haus zumindest für einige Zeit den Rücken kehren solle.
    »Du brauchst unbedingt Urlaub«, hatte sie erklärt, als sie Kates Blässe und die dunklen Ringe unter ihren Augen gesehen hatte. »Wie wäre es mit Sonne tanken auf den Bahamas? Oder einer Trekkingtour in Nepal?«
    »Nein, danke«, hatte Kate geantwortet. »Beides gehört zwar zu den Dingen, die ich unbedingt irgendwann einmal tun möchte, aber irgendwie fehlt mir im Augenblick die Energie dazu. Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist, Callie. Morgens muss ich mich zum Aufstehen geradezu zwingen, und ich habe seit Wochen nicht mehr richtig gearbeitet.«
    »So etwas nennt man Trauerarbeit«, hatte Callie sanft geantwortet. »Du musst dir die Zeit nehmen, über das hinwegzukommen, was geschehen ist. Manchmal ist es dabei hilfreich, einigen Abstand

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