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Flammenzungen

Flammenzungen

Titel: Flammenzungen
Autoren: Administrator
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PROLOG
    Bei jeder Bewegung rasselten die Ketten, mit denen sie an die Wand gefesselt war. Mit jedem Tag hasste sie dieses Geräusch mehr. Es jagte ihr eine Gänsehaut über den Leib. Sie würde sich nie daran gewöhnen. Nicht an die Stahlmanschetten, die ihre Haut an den Hand- und Fußgelenken abschürften, auch nicht an das ängstliche Warten darauf, dass sich die Tür am Ende der Treppe öffnete und er auftauchte.
    Mit jedem Sonnenuntergang, den sie durch das winzige Kellerfenster sah, das zu hoch war, um es zu erreichen, schwand ihre Hoffnung auf Rettung ein kleines Stück mehr. War der Jahrhundertsommer, von dem alle in Louisiana vor ihrer Entführung gesprochen hatten, schon vorbei? Sie konnte nicht sagen, wie viel Zeit sie in diesem Verlies bereits verbracht hatte.
    Obwohl sie allein hier unten war, meinte sie das Knarzen seiner Ledersohlen zu hören, wenn er die Treppe herabstieg, sichtbar erregt auf sie zukam und den kreisrunden blutroten Knebel hochwarf und auffing wie einen Ball, den sein Hund apportieren sollte. Sie winselte jedes Mal furchtsam, wenn es Zeit zum Spielen war.
    Am Anfang ihrer Tortur hatte sie versucht, ihm sein selbstgefälliges Grinsen aus dem Gesicht zu kratzen, doch das hatte sie bereut. „Es gibt Frauen, die stehen darauf, wenn man ihnen Nadeln unter die Fingernägel sticht“, hatte er gesagt und ihre Hand in einem Schraubstock fixiert. „Du wirst noch lernen, es zu genießen.“
    Mit jedem seiner Besuche in diesem dunklen Loch steigerte er ihre Qual. Kaum hatte sie sich einigermaßen an die Peitsche gewöhnt, schlug er sie mit dem Rohrstock. Eine mit Leder überzogene Variante stand schon bereit; sie lehnte  an der Wand gegenüber, um ihr Angst einzuflößen, selbst wenn dieses Monster gar nicht da war. Aber dazu brauchte sie kein Mahnmal, denn er verfolgte sie bis in ihre Träume. Der kalte Blick seiner kobaltblauen Augen, der Geschmack seiner Küsse, seines Schwanzes, seines Afters, der Geruch seines Duschgels, seiner Ausdünstungen und seiner Geilheit - das alles ließ er bei ihr zurück, wenn er ging.
    Nachts wachte sie schweißgebadet auf. Sie konnte kaum noch etwas essen, sodass er die Stahlmanschetten durch klei nere hatte ersetzen müssen, weil ihre Handgelenke zu dünn geworden waren. Er brachte ihr fettige Speisen und zuckersüßen Nachtisch, manchmal auch Gewichtsaufbaupräparate und Energydrinks für Sportler, die er, so wie er aussah, sicher selbst auch zu sich nahm, aber sie bekam kaum etwas davon runter, denn ihr Lebenswille schwand. Seit einem Monat fielen ihr die blonden Haare büschelweise aus, und ein Backenzahn wackelte.
    Trotz ihrer schlechten Verfassung setzte er seine Abrichtung, wie er es nannte, fort. „Ich habe schon viele Sklavinnen trainiert, aber du wirst mein Meisterstück werden. Du wirst die Erste sein, deren Willen ich breche.“ Seine Worte hatten sich ebenso bei ihr eingebrannt wie der Leuchtstab in ihre Fußsohle. „Ich kann es kaum erwarten zu beobachten, wie der Wandel sich vollzieht. Wirst du eine leere Hülle sein und nutzlos für mich? Oder mechanisch meinen Anweisungen folgen? Oder wirst du mich anbetteln, dir wehzutun, weil du süchtig nach Schmerz geworden bist? Ich bin ein Forscher und du mein Forschungsobjekt, das verbindet uns auf ewig, Blondie, egal wie das Experiment enden wird.“
    Erst wenn ihre Verzweiflung so überwältigend war, dass sie nicht länger jammerte, wütend tobte oder um Gnade bettelte, sondern nur noch heiser wimmerte, fickte er sie. Endlich, denn danach ließ er sie erst mal in Ruhe.
    Bis zur nächsten Lektion.
    Was sie jedoch wirklich beunruhigte, war nicht etwa ihre aufkeimende Todessehnsucht, sondern die Metallringe, die er am Vortag in die Wand zu ihrer Rechten geschlagen hatte. Pfeifend hatte er Ketten daran befestigt und gemeint: „Dir wird es mit ein bisschen Gesellschaft besser gehen. Eine Freundin wird dich motivieren, deinen Teller leer zu essen.“
    Seitdem konnte sie an nichts anderes mehr denken. Er plante, eine weitere Frau zu entführen, um sie in diesem Verlies zu foltern und zu missbrauchen. Vor ihren Augen! Das würde sie nicht ertragen. Allein die Vorstellung ließ sie bittere Galle hochwürgen.
    Einmal hatte er einen Ganzkörperspiegel vor sie gestellt und sie gezwungen, ihr Spiegelbild anzuschauen, während er Kanülen in die empfindliche Haut ihrer Brüste stach. Der Anblick ihres gefolterten Busens war entsetzlich gewesen, ebenfalls das Zittern ihres Körpers, seine Blöße und

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