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Flammen über Arcadion

Flammen über Arcadion

Titel: Flammen über Arcadion
Autoren: B Perplies
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Kapitel 1
    N iemand weiß genau, warum es damals geschah. Manche sagen, dass machtgierige Männer in den Regierungssitzen der einstigen Supermächte die Schuld tragen. Andere glauben, dass es die Künstlichen waren, die sich gegen die Menschen erhoben haben. Und wieder andere behaupten, die Wissenschaftler hätten einen Maschinengeist erschaffen, der sich dann ihrer Kontrolle entzogen und die Katastrophe herbeigeführt hätte. All diese Erklärungsversuche stammen von bedauernswerten Seelen, die nicht begriffen haben, worum es wirklich ging.
    Die Nacht des Sternenfalls kam nicht über uns, weil einige wenige Menschen einen Fehler gemacht haben. Sie kam über uns, weil die ganze Menschheit fehlerbehaftet war. Wir waren eine Welt von Sündern. Gottes Gebote bedeuteten uns ebenso wenig wie seine Schöpfung. Neid, Gier, Prunksucht und andere niedere Gelüste trieben uns an. Wir wollten einfach alles haben, alles beherrschen. Das galt für das Hab und Gut unserer Mitmenschen ebenso wie für die Schätze unserer Erde und die Geheimnisse des Lebens selbst.
    Deshalb nahm der Herr eines Nachts die Sterne vom Himmel und schleuderte sie voller Zorn und Trauer auf seine geliebte Welt hinab. Einst hatte er das Wasser der Sintflut geschickt, um all jene, die sich gegen ihn versündigt hatten, vom Angesicht der Erde zu tilgen, auf dass nur die rechtschaffenen Männer und Frauen übrig blieben. Diesmal sandte er Feuer, um zu reinigen, was in seinen Augen verdorben war.
    Die Erde verging, um wiedergeboren zu werden. Millionen von Menschen starben. Jeder Einzelne hatte es auf seine Weise verdient. Anderen wurde all das genommen, wonach sie in ihrer Gier gestrebt hatten, und sie wurden in die Barbarei zurückgeworfen. Auch sie hatten es verdient. Nur die, deren Glaube fest war und die in seinen Augen würdig waren, kamen ungeschoren davon. Sie fanden Schutz in der Arche Gottes, in Arcadion, unter der gnädigen Führung des Lux Dei.
    Der Lux Dei beschützt uns vor unseren Feinden, gleich ob draußen in der Wildnis oder innerhalb der Mauern unserer Stadt. Er hilft allen, die in Not sind. Er bewahrt und stärkt den Glauben in unseren Herzen. Seine Diener sind von Gott berufen, und sie gehen uns mit leuchtendem Beispiel voran. Wir sind dem Lux Dei zu Dank verpflichtet, heute und an allen Tagen …
    Carya hob den Blick von ihrem Aufsatzpapier und richtete ihn auf die Klasse, die vor ihr saß. Neunzehn Jungen und Mädchen in einheitlich schwarzgrauen Schuluniformen starrten sie an. Ihre Mitschüler schenkten ihr ihre ganze Aufmerksamkeit. Oder erweckten zumindest sehr überzeugend den Eindruck.
    An Caryas Seite räusperte sich Signora Bacchettona. »So sei es.«
    »So sei es«, antworteten ihr neunzehn Kehlen.
    Carya senkte demütig den Kopf. »So sei es«, flüsterte sie.
    »Das war ein sehr schöner Aufsatz, Carya.« Signora Bacchettona schenkte ihr ein schmallippiges Lächeln, viel mehr Lob durfte man von ihr nicht erwarten. »Aber du hättest ein wenig ausführlicher auf die zahlreichen Übel eingehen können, die unser behütetes Leben bedrohen würden, wenn wir nicht unter dem Schutz des Lux Dei stünden.«
    »Jawohl, Signora«, sagte Carya.
    Die hagere Lehrerin mit dem schwarzen Haar, in das sich bereits graue Strähnen mischten, galt unter den Schülern der Akademie des Lichts als streng und unnahbar. Einige Jungen bezeichneten sie hinter ihrem Rücken als » alte Jungfer « , aber niemand hätte sich getraut, sie so zu nennen, wenn Signora Bacchettona in der Nähe war. Sie unterrichtete die Klasse in Gesellschaftskunde, und manchmal machte es den Eindruck, als sei das für sie nicht nur ein Beruf, sondern eine geradezu heilige Pflicht.
    Signora Bacchettona nickte Carya zu. »Also gut, setz dich wieder hin.«
    »Jawohl, Signora.« Gehorsam kam das Mädchen der Aufforderung nach.
    »Nun?« Die Lehrerin hob auffordernd das Kinn, und der stechende Blick ihrer grauen Augen wanderte über die Klasse. »Wer kann mir ein paar dieser Übel nennen?«
    Antonjas in der ersten Reihe hob die Hand. Der feiste Junge mit dem Bürstenhaarschnitt war immer der Erste, wenn es darum ging, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, der sich seinem Empfinden nach etwas hatte zuschulden kommen lassen. Insofern war er natürlich besonders gut darin, irgendwelche Übel zu benennen.
    »Antonjas«, rief Signora Bacchettona ihn auf.
    Der Junge schoss von seinem Stuhl in die Höhe und ging in Habachtstellung, als befände er sich auf dem Exerzierplatz der

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