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Fischerkönig

Fischerkönig

Titel: Fischerkönig
Autoren: Wildis Streng
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seinem Schnurrbart sehen konnte. Alle Haare waren akkurat ausgerichtet. »Jeder hat ein Problem damit, die Kette abzugeben, ganz klar. Aber wäre es dann nicht sinnvoller gewesen, wenn der Siegler den Hintermann … und nicht umgekehrt … ihr versteht.«
    »Wir verstehen genau, was Sie meinen«, bestätigte Heiko. »Uns interessiert allerdings noch eine andere Sache. Die Frau Siegler …«
    »Sie meinen, weil sie so jung ist?«
    Heiko lächelte verlegen. Waller atmete tief durch und fixierte kurz den riesenhaften Segelfisch, der hinter der Kommissarin hing, bevor er antwortete: »Es heißt, er hätte sie vom Internet!« Lisa und Heiko wechselten einen vielsagenden Blick, den Waller bemerkte. Schnell setzte er hinzu: »Aus einem Chatforum, hat er mal erzählt!« Lisa räusperte sich. »Also, bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber, nun ja, die Frau Siegler ist eine bildhübsche junge Frau, bedeutend jünger als ihr Mann.« Waller zuckte die Achseln. »Geld macht attraktiv«, vermutete er.
    »War der Herr Siegler so reich?«
    Wallers Schnurrbart vibrierte kurz. »Seine Familie hat ein bisschen Land. Und er hatte halt das, was man sich in einem ganzen Leben so abknausern kann, also nicht wenig. Und ob die Irina aus dem Katalog ist, das kann ich Ihnen nicht sagen, da müssen Sie Sieglers Schwester fragen.«

    Heinz Hintermann wirkte, als säße er auf glühenden Kohlen. Gleich zu Beginn des Verhörs hatte er gefragt, ob er rauchen dürfe, und klammerte sich seither wie ein Ertrinkender an den Glimmstängel. Quasi aus Solidarität hatte sich Heiko auch eine angezündet, was bei Lisa zu einem vorwurfsvollen Wedeln mit der Hand führte. »Soso, und Sie sind also der neue Fischerkönig«, begann Heiko. Hintermann nickte. Er trug das Haar etwas länger, als Männer in seinem Alter es üblicherweise taten. Jeanstyp, stellte Lisa fest. Nicht unattraktiv. »Tja, so ist nun mal das Leben. Mal gewinnt man, mal verliert man«, meinte Hintermann, und Lisa fragte sich, ob er sich der Doppeldeutigkeit seiner Aussage bewusst war. »Anscheinend hatte Herr Siegler ein Problem damit, die Königskette abzugeben?«, half die Kommissarin. Hintermann schnaubte. »Wissen Sie, also ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, die Kette sei mir egal. Ich freue mich über den Titel. Aber beim Walter … also, das war schon nicht mehr normal, wenn Sie mich fragen.«
    »Inwiefern?«
    »Der hatte die Kette immer um. Immer. Die Irina hat meiner Frau mal erzählt, manchmal sei er sogar damit ins Bett gekommen. Das ist doch krank, ich bitte Sie.« Lisa stimmte dem Mann aus vollem Herzen zu und stellte sich unwillkürlich vor, Heiko käme in solcher Montur zu ihr ins Bett. Wahrscheinlich würde sie in einem derartigen Moment ernsthaft an ihrer Beziehung zweifeln. Was sie sonst eigentlich nie tat. Seit anderthalb Jahren waren sie und ihr Kollege bereits ein Paar, und sie waren sehr glücklich miteinander. Gut, es gab durchaus Dinge, die man an Heiko noch ändern konnte. Was das Rauchen betraf, so weigerte er sich hartnäckig, dieses Laster aufzugeben. Und mit Komplimenten ging er, typisch Hohenloher, recht sparsam um. Denn Hohenloher lebten nach der Devise ›Nix gsocht ist gloubt gnuach‹ – ›Nichts gesagt ist ausreichend gelobt‹. Aber abgesehen von diesen kleinen Mankos war Heiko nahezu der perfekte Partner – lieb, ohne zu soft zu sein, männlich, ohne zu sehr den Macho raushängen zu lassen. Wohl ganz anders als das Mordopfer, ein Mann, der seine sicherlich nicht unbeträchtliche Selbstachtung aus dem Triumph bei einem jährlich stattfindenden Wettkampf bezog und dann zweifellos noch aus der Tatsache, dass er sich als alter Knacker eine so junge und bildschöne Frau geangelt hatte – wie auch immer er das angestellt hatte. Lisa konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Walter Siegler ein Charmebolzen gewesen war. »Ist das Ihr erster Königstitel?«, fragte Heiko. Hintermann blies Rauch aus und verschränkte dann die Arme vor der Brust, ohne die Zigarette aus der Hand zu legen. »Hört mal, also ich bringe doch wegen so einem Scheiß nicht den Walter um!«
    »Sie missverstehen uns, Herr Hintermann!«, beruhigte Lisa. »Wir verdächtigen Sie nicht. Wir sammeln Informationen!« Es passierte oft, dass Leute, von denen sie lediglich etwas erfahren wollten, sich automatisch verdächtigt fühlten.
    »Sie brauchen mich auch gar nicht zu verdächtigen. Ich war’s nämlich nicht.«
    »Können Sie sich denn vorstellen, wer es war?« Der

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