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Final Cut - Etzold, V: Final Cut

Final Cut - Etzold, V: Final Cut

Titel: Final Cut - Etzold, V: Final Cut
Autoren: Veit Etzold
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Prolog
    Nummer 12! Er stellte die beiden Kanister mit der dunkelroten Flüssigkeit auf den modrigen Boden des Kellers, zog sich den schwarzen Gummianzug aus, knüllte ihn zusammen und schleuderte ihn ins Feuer. Das Plastik warf Blasen, die sich schmatzend und zischend aufblähten und zusammenschrumpften, während die Flammen das Gummi verzehrten und ein stechender Geruch den Raum mit der hohen Decke erfüllte.
    Er warf alles, was er getragen hatte, ins Feuer: die Maske, die Brille, die Schuhe.
    12 Anzüge.
    12 Opfer.
    12 Leben.
    Ihm dröhnte der Schädel. Grauenvoller Schmerz wühlte in seinem Hirn. Sein Magen war ein Stück brennende Kohle.
    Vor sich sah er den Sarg – und das, was sich darauf befand. Er hatte es tausend Mal gesehen. Und immer wieder durchfuhr es ihn wie ein Elektroschock. Die Erinnerung an das Vergangene traf ihn auch diesmal wie ein Hammerschlag, ließ ihn nackt auf die Knie fallen, während er in einem Crescendo des Ekels und der Verzweiflung einen Schwall grüner Galle erbrach.
    Dann brach auch er zusammen, lag keuchend und zitternd auf dem steinernen Boden, während das Feuer seine Kleidung verzehrte und seine geröteten Augen sich auf den Sarg richteten, der über ihm in das diffuse Licht des Kellergewölbes ragte.
    Und da lag sie.
    Seit Jahren.
    Seit Jahrzehnten.
    Verloren, aber nicht vergangen. Verborgen, aber nicht vergessen. Tot, aber träumend.
    Und er lag nackt auf dem feuchten Boden, zuckend, in seinem eigenen Dreck, und irgendetwas staute sich in ihm auf, so wie sich vorhin das Erbrochene gestaut und schließlich Bahn gebrochen hatte. Und dann zerriss sein Schrei die Stille, so schrecklich, wie ihn zuvor nur Luzifer ausstoßen konnte, nachdem er von Gott in den bodenlosen Abgrund gestürzt worden war. Ein Schrei voller animalischer Angst und erstickender Hoffnungslosigkeit.
    Er hatte getan, was kein Mensch tun durfte. Etwas, was ihn dazu verdammte, für immer im Feuer der Hölle zu brennen. Etwas, was er sich niemals vergeben würde.
    Er hatte den einzigen Menschen getötet, der ihn je geliebt hatte.
    Er verlor das Bewusstsein, und Schwärze umgab ihn.

Erster Teil
    BLUT
    Auch deine Seele wird ein Schwert durchdringen.
    Lukas 2,35
     

1.
    »Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes«, flüsterte die junge Frau, die im Beichtstuhl kniete. Ihre Stimme zitterte, als sich die Tränen ankündigten.
    »Gott, der unser Herz erleuchtet, schenke dir wahre Erkenntnis deiner Sünden und seiner Barmherzigkeit«, sagte der Priester mit ruhiger, sonorer Stimme. Die Frau konnte sein Gesicht durch das gitterartige kleine Holzfenster, das Sünder und Erlöser trennte, nur schemenhaft erkennen.
    Sie wusste selbst nicht, was sie jedes Jahr hierhertrieb, immer am 23. Oktober, seit vielen Jahren. War es der Glaube? Nein, sicher nicht. Eher die Schuld, die sich immer wieder in ihr aufstaute und die sie loswerden musste, weil sie wie ein tonnenschwerer Stein auf ihr lastete.
    Jedes Jahr sagte sie sich, wie unnütz die Beichte sei. Denn wer konnte garantieren, dass ihre Schuld damit getilgt wurde? Dass sie Vergebung fand? Das vage Versprechen Christi, in Gestalt eines Priesters die Last der Sünde von ihr zu nehmen, hielt der Gottessohn leider so gut wie nie ein. Nur kurz fand sie gewöhnlich nach einer Beichte Frieden, und das wohl auch nur, weil sie die Möglichkeit hatte, ihre Geschichte jemandem zu erzählen. Von den Albträumen und den namenlosen Schrecken wurde sie weiterhin verfolgt.
    Sie hatte alles Mögliche versucht: Gesprächstherapie, psychologische Behandlung, Yoga, Tai-Chi, Meditationskurse. Geholfen hatte nichts – da war die Beichte noch das Beste.
    Mit jedem Jahr wurde die Schuld unerträglicher. Es war etwas Düsteres, Bösartiges, nicht Greifbares, das sich in ihr aufbaute und emporstieg wie eine von fauligen Gasen aufgeblähte Wasserleiche, die in einem verpesteten, stinkenden Tümpel langsam und gespenstisch nach oben schwebt. Dieses Etwas in ihrem Inneren wurde größer und bedrohlicher, bis sie es nicht mehr ertragen konnte und die aufgeblähte Blase ihrer Schuld aufstechen musste, damit die fauligen Gase entweichen konnten.
    Nur dass es nicht lange dauerte, bis der Pestilenzgestank sich wieder in ihr ausbreitete und auf ihre Seele drückte.
    Und so fand sie sich jedes Jahr am 23. Oktober in einem Beichtstuhl in der Berliner Sankt-Hedwigs-Kathedrale wieder. Es war die Bischofskirche von Berlin; viele Priester waren abwechselnd hier. Manchmal beichtete sie bei

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