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Feuerbande

Feuerbande

Titel: Feuerbande
Autoren: Birgit Otten
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Marten der Falkner
     
    Es war einmal vor Zeiten ein König, dem legten seine Ratgeber schon lange ans Herz, sich zu verheiraten. Doch jedes Mal winkte er nur ab, wenn die Rede darauf kam, denn es war keine unter den Frauen, die ihm so gefallen hätte, dass er sie für immer zu sich nehmen wollte. Weit mehr gefiel es ihm dagegen, auf seinem Pferd oder zu Fuß durch die Wälder zu streifen und mit seinen Gefährten so manches wilde Abenteuer zu bestehen.
    Da kamen die Ratgeber des Nachts zusammen und beratschlagten, wie sie es angehen sollten, den König sesshafter werden zu lassen und ihn zum Heiraten zu bewegen, und sie kamen überein, dass ihm eine Frau begegnen müsse, die ihn so verzaubern sollte, dass er alle anderen Freuden neben ihr vergaß. Und es war einer unter ihnen, der sprach: „Diese Frau werden wir hier nicht finden, denn sonst hätten wir schon von ihr gehört, oder der König wäre ihr bereits begegnet. Höret daher meinen Rat: Hinter dem Wald wohnt eine Hexe, zu der schickt einen Boten und zahlt ihre Hilfe. So gefährlich der Weg auch werden mag, er wird sich lohnen, wenn all das stimmt, was man von ihr berichtet.“
    Die anderen Ratgeber blickten sich an, zweifelnd, belustigt, hoffnungsvoll oder erstaunt, doch dann beschlossen sie, es zu versuchen. Und so geschah es, dass man Marten den Falkner aussandte, die Hilfe der Hexe zu erbitten.
    Marten ritt drei Tage und drei Nächte, bis er das Herz des Waldes erreichte, und drei Tage und drei Nächte, bis er den Wald verlassen hatte. Am siebenten Tag erreichte er das Land hinter den Wäldern, und am Fuße eines rauen Felsens sah er eine kleine Hütte, aus deren Schornstein Rauch aufstieg.
    Weil es jedoch bereits dunkelte und er nicht wusste, wo er am besten nach der Hexe suchen sollte, beschloss Marten bei sich, zu dieser Hütte zu reiten, um dort um ein Nachtlager zu bitten. Er lenkte sein Pferd auf den Felsen zu, und als der Mond hinter den Wolken aufging, hatte er die Tür erreicht und sprang müde vom Rücken seines Tieres. Er klopfte an und wartete.
    Hinter der Tür näherten sich schlurfende Schritte, und ein altes Mütterchen öffnete. Graue Haarsträhnen fielen ihr ins runzlige Gesicht, und trübe Augen wurden zusammengekniffen, um den Besucher deutlicher sehen zu können. Ihr halb geöffneter Mund war zahnlos, und ihre Hand umklammerte den Türrahmen, als würde sie stürzen, wenn sie ihn losließe.
    „Komm herein“, murmelte sie, bevor Marten noch etwas sagen konnte. „Dein Pferd kannst du dort vorn unterstellen.“
    Marten tat, wie ihm geheißen. Er musste sich bücken, um unter dem Türrahmen ins Haus zu treten. Drinnen flackerte ein warmes Feuer, und die Luft roch würzig nach getrockneten Kräutern, die in Büscheln unter dem Dach aufgehängt waren, wohin man auch schaute. Die Alte hieß ihn, auf der grob gezimmerten Bank Platz zu nehmen, und hob abwinkend die Hand, als Marten zu reden anfangen wollte. Dann bot sie ihm einen Becher mit einem duftenden Kräutertrank, und er dankte ihr und sprach endlich: „Du bist sehr freundlich, Mütterchen. Vielleicht kannst du mir auch in anderem helfen? Ich bin auf der Suche nach einer Hexe, von der man sich bei uns erzählt. Die Ratgeber unseres Königs haben mich ausgesandt, ihre Hilfe zu erbitten.“
    Die Alte wackelte mit dem Kopf. „So, so. Diese Hexe kenne ich nicht, doch vielleicht kann ich dir mit einem Rat dienen. Was ist es denn, das selbst die weisen Ratgeber nicht wissen?“
    Marten der Falkner schaute sie an, und irgendetwas drängte ihn, der Alten zu erzählen, was sie wissen wollte. „Unser König ist jung und ungestüm, und es wäre besser für ihn und das Reich, wenn er sich eine Frau nehmen würde. Doch es ist keine, die ihm gefällt. Deshalb hoffen seine Räte, dass die Hexe uns dabei helfen wird, ihm eine solche Frau zuzuführen.“
    Die Alte kicherte zahnlos. „Wenn der König sich selbst nicht entscheiden kann, wird keiner Hexe dies Kunststück gelingen. Ich weiß den Rat nicht, den du suchst. Doch bleibe diese Nacht bei mir, denn morgen wird meine Tochter kommen. Sie ist klug und hat vieles gehört und gesehen. Vielleicht kann sie dir Antworten geben.“
    Und Marten der Falkner spürte, wie ihn die Müdigkeit überkam, und so legte er sich auf die harte Bank und deckte sich mit seinem Umhang zu. Die Alte werkelte noch eine Weile, dann legte sie sich schnaufend auf den mit Lumpen bedeckten Strohhaufen, der ihr Lager bildete. Es wurde dunkel und still in der Hütte.
    Marten

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