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Feueraugen III. Das Schloss

Feueraugen III. Das Schloss

Titel: Feueraugen III. Das Schloss
Autoren: Alexander Zeram
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-1-  Nebelgespräche
     
     
    "Sehen Sie was, Rodolphe?", ruft Baldwin nach oben.
    Rodolphe, der eine ziemlich steile Felswand hinaufgeklettert ist, winkt zu ihnen herunter.
    "Sehen Sie was?" schreit der Signore. Er erinnert sich ihrer letzten Eskapade. Da haben sie mühselig einen äußerst schwierigen Hang bezwungen - alleine um dann zu entdecken, dass ein tiefer Abgrund den Weiterweg versperrte.
    "Natürlich seh' ich was!" Rodolphe lacht. "Nebel - soweit das Auge reicht, wie's so schön heißt!"
    "Ich ... ich bringe ihn eines Tages um, Signore Baldwin! Ich bringe ihn um, diesen ... ah, maledetto ... imbecile ... ich bringe ihn uuuuum!" Der Signore stampft -ganz … à la James Jones Baldwin- mit beiden Füssen auf den felsigen Boden und knurrt in sich hinein.
    "Ruhig, ruhig, mein Lieber!" Baldwin klopft dem nervlich inzwischen etwas Zerrütteten auf die Schulter. "Warum sollte er uns da hoch jagen, wenn's unsinnig wäre? Natürlich gibt es einen Weg ... einen gut begehbaren Weg, der uns weiterbringt!"
    "Das ist vielleicht gerade nicht der Sinn der Sache!" bemerkt Marlène mit einem Tonfall, der ihnen schon seit Stunden auf die Nerven geht.
    Alles, was sie sagt, klingt wie 'schikaniert mich nur weiterhin'. Wenn sie auch niemandem direkt die Schuld gibt, ihre schlechte Laune spricht für sich.
    "Und warum sollte ein gut begehbarer Pfad nicht der Sinn der Sache sein?" erkundigt sich jetzt der Krämer.
    "Abgesehen davon, dass ich mich frage, was hier überhaupt noch einen Sinn hat ... heißt es in diesem Gedichtfragment nicht, dass uns der Weg möglichst schwer fallen soll? Jedenfalls dürfte kein Spazierweg durch die 'Klippen der Verwüstung' zum Schloss führen."
    "Sie haben sich zu sehr auf den Text versteift, my dear!" meint Dalia. "Ich bin sicher, Rodolphe weiß, was er tut. Und ... wo ein Weg ist, da ist ..."
    "... auch ein Wille, heh?" Marlène beginnt haltlos zu lachen. "C'est une blague, non?"
    Zeramov beobachtet schon seit Längerem, wie die Baldwinsche Mannschaft immer gereizter wird. Dass es aus einem ganz nichtigen Anlass zum Streit kommen kann, ahnt er. Deshalb treibt er sie jetzt an, Rodolphe nachzufolgen.
    "Streiten könnt ihr euch immer noch. Aber wir sollten zusammenbleiben. In dieser Gegend möchte ich nach Möglichkeit keinen suchen müssen, der plötzlich verschwunden ist!
    "Herr Zeramov hat recht! Wir dürfen uns nicht überall aufhalten. Rodolphe sieht einen Weg ... das genügt mir im Augenblick." der Krämer wagt sich an die Felswand und die anderen folgen einer nach dem anderen.
    Die Aussicht auf ein erneutes Verschwinden Rodolphes -zum Beispiel- hat sie alle erschreckt. So rasch wie dieses Hindernis haben sie noch keines bezwungen. Marlène beschwert sich nicht über ein paar Gesteinsbrösel, die ihr von Cassius -der vor ihr hinaufsteigt- ins Gesicht gestoßen werden. Keiner beklagt sein Schuhwerk und keiner redet mehr vom Sinn und Zweck eines guten Weges.
    Rodolphe hat eine Art Felsplatte erreicht. Dort sitzt er auf einem halbwegs runden Stein und schimpft in sich hinein, weil ihm seine Strümpfe bis zu den Knöcheln hinabgerutscht sind. Um sie zu richten, muss er seine Stiefel ausziehen.
    "Aaah ... jetzt aber eine kleine Rast! Das war eine Strapaze!" keuchend erreicht X als Letzter das Felsplateau und lässt sich einfach auf dem nackten, kalten Stein nieder.
    "Da drüben hab' ich eine hohe Felswand entdeckt", sagt Baldwin, der sich inzwischen ein wenig umgesehen hat und deutet in eine bestimmte Richtung. "Rachass könnte gut dahinter liegen."
    "Ich bezweifle bereits, dass wir je hinkommen!" Ricci seufzt.
    Einen vollen Tag lang sind sie jetzt in dieser unwirklichen Felsenlandschaft unterwegs. In einer Schlucht haben sie vor einigen Stunden ihre Pferde und einen Teil der Ausrüstung zurückgelassen und sind in die zerklüfteten Felsen eingedrungen. Beim Anblick der zackigen Gipfel, steil abfallenden Hänge und kahlen Felsen erscheint ihnen die Entstehungsgeschichte dieses Gebietes, die ihnen Imprimin erzählt hat, beinahe glaubwürdig. Hier herrscht bleicher, zerrissener Nebel, der sich an manchen Stellen so stark verdichtet, dass sie fast ihre eigenen Füße nicht mehr sehen können, wenn sie in solch eine Nebelwand geraten. Dazu singt ein kaum hörbares Säuseln das Lied vom Untergang des Bergvolkes.
    Einen vollen Tag lang liegt der Beginn ihres Irrweges durch dieses Labyrinth aus Schluchten, Pfaden, Graten, Steilhängen und Plateaus zurück - vor mehr als einer Woche hat ihr Abenteuer

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